1863 Für meine Mutter

In der Neuausgabe des ersten Bandes meiner Ausgabe Rosalía de Castros Werke in deutscher Übersetzung werde ich auch die Gedichte Rosalías auf den Tod ihrer Mutter veröffentlichen. Bisher war nur bekannt, dass diese seiner Zeit lediglich als Privatdruck erschienen waren. Während meiner Recherchen haben ich eine interessante Entdeckung gemacht: Die Gedichtsammlung A mi madreFür meine Mutter ist schon im Februar 1863 in einer Zeitschrift veröffentlicht und somit einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. Bisher ging man davon aus, dass von dem genannten Privatdruck lediglich 80 Exemplare gedruckt wurden. Die Zeitschriftenveröffentlichung ist besonders für zukünftige Editionen bedeutsam, da es bei schwierigen Textpassagen zu verschieden Lesarten gekommen ist, welche das Textverständnis erschweren. Näheres dazu wird in der Neuausgabe zu lesen sein.

Hier folgen zwei exklusive Versionen meiner Übersetzungen aus A mi madre  (Mas… ¿qué estridente y mágico alaridoDoch… ein Schrei fährt mir erschütternd ins Mark und Donde el ciprés erguido se levantaWo die Zypresse in die Höhe ragt), die sich so zwar nicht in der Neuausgabe wiederfinden werden, aber sicherlich ein Anreiz dafür sind, sich mit den von der Kritik weniger beachteten Gedichten des Jahres 1863 zu beschäftigen.

- V -

Mas… ¿qué estridente y mágico alarido
la ronca voz de la tormenta trae?
Triste… vago… constante y dolorido,
cual fuego ardiente, en mis entrañas cae.

Cae, y ahuyenta de mi lecho el sueño…
¡Ah! ¿Cómo he de dormir…? locura fuera,
fuera locura y temerario empeño
que con gemidos tales me durmiera.

¡Ah! ¿Cómo he de dormir? ese lamento,
ese grito de angustia que percibo,
esa expresión de amargo sufrimiento
no pertenece al mundo en que yo vivo.

- V -

Doch… ein Schrei fährt mir erschütternd ins Mark,
wer trägt die raue Stimme des Sturm hierher?
Traurig… flirrend… beharrlich, schmerzbetrübt,
ein brennd’ heißes Feuer, das fällt in meine Brust.

Fällt und vertreibt den Traum aus meiner Ruhestatt…
Ah! Wie soll ich hier nur schlafen…? Hinfort Wahnsinn,
Wahnsinn hinfort und ängstliches Treiben
wie sollte ich bei solchen Seufzern schlafen.

Ah! Wie sollte ich schlafen, dieses Wehklagen,
dieser Angstschrei, den ich schmerzlich empfand,
dieser Ausdruck bitterer Leiden und Qualen,
gehört nicht in diese Welt hier, in der ich lebe.

 

- VI -

Donde el ciprés erguido se levanta,
allá en lejana habitación sombría,
que al más osado de la tierra espanta,
sola duerme la dulce madre mía.

Más helado es su lecho que la nieve,
más negro y hondo que caverna oscura,
y el éuro altivo que sus antros mueve,
sacia su furia en él, con saña dura.

¡Ah!, de dolientes sauces rodeada,
de húmeda yerba y ásperas ortigas;
¡cuál serás, madre, en tu dormir turbada,
por vagarosas sombras enemigas!

 

- VI -

Wo die Zypresse in die Höhe ragt,
dort in der fernen düsteren Kammer,
jagt den Mutigsten der Welt Furcht ein,
dort schläft meine liebe Mutter allein.

Ihr Bett ist kälter als eisiger Schnee,
tiefer und schwärzer als düstere Grotten,
und der Ostwind fährt wild ins Grauenhaus,
stillt seine Wut in ihm, mit grausamer Härte.

Ah, von betrübten Trauerweiden umgeben,
feuchtem Unkraut und stechenden Nesseln:
Das wird aus dir, Mutter! Feindselige Schatten
umlauern dich in deinem unruhigen Schlaf.

© Christian Switek, 2016
Veröffentlichung und Wiederverwertung
jeglicher Art nur mit ausdrücklicher
Genehmigung des Autors.

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