Prolog der “Galicischen Lieder” – Arbeitsversion

Auch wenn ich hier meine Arbeitsversion veröffentliche, so unterliegt natürlich auch diese dem Copyright. Ich weise aus gegebenen Anlass nochmals darauf hin, dass das Zitieren und der Abdruck (auch in Auszügen) nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Übersetzers erlaubt ist.

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Prolog

Zweifellos ist es ein großes Wagnis für einen armseligen Geist, wie dem meinigen, den mir das Schicksal aber nun mal hat zuteil werden lassen, dass ich ein Buch herausgebe, dessen Seiten doch voller Sonne, voller Harmonie und voll jener Natürlichkeit sein sollten, da sie die übergroße Schönheit unserer Volkslieder ausmachen, denn sie sind mit einer tiefen Zärtlichkeit und mit einem unendlichen Singsang gefühlvoller, liebkosender Worte eng verbunden. Da die galicische Dichtung voller Musik und Muße, voller Klage, voller Seufzen und lieblichem Lächeln ist, stünde es ihr zu von einem, wenn wir so sagen wollen, kristallklaren und erhabenen Geist besungen zu werden, der sie mal in Harmonie mit den geheimnisvollen Winden der Wälder säuselnd erklingen lässt, mal in Harmonie mit den funkelnden Sonnenstrahlen, die heiter auf das Wasser eines großen und mächtigen Flusses fallen, der unter den blühenden Weidenzweigen entlangläuft. Die galicische Dichtung ist eine so fruchtbare Inspiration wie der reiche Pflanzenwuchs, welcher unsere privilegierte Welt verschönert. Und vor allem besitzt sie ein zartes und inniges Gefühl, damit sie eine so große Schönheit erster Ordnung bekannt machen kann, ein so flüchtiges Strahlen der Schönheit, wie es sich in jedem Volksbrauch zeigt, wie es sich in jedem Gedanken des Volkes offenbart, das viele dumm nennen und welches viele vielleicht als empfindungslos und der göttlichen Dichtung fremd aburteilen. Sicherlich verfügt wohl jeder andere außer mir über die großen Fähigkeiten, die notwendig sind, um ein so schwieriges Anliegen durchzuführen. Dennoch hätte man niemanden besseres als mich finden können, von solch hehrem Wunsch beseelt die Schönheit unseres Landes in jenem lieblichen und weichen Dialekt zu besingen, den gerade diejenigen als barbarisch bezeichnen wollen, welche gar nicht wissen, dass er die übrigen Sprachen an Lieblichkeit und Harmonie übertrifft. Deshalb, und nur deshalb wagte ich mich also daran, diese Lieder aufzuschreiben, obwohl ich mich noch immer ohnmächtig fühle und in keine andere Schule als die unserer armen Dörfler gegangen bin, obwohl ich nur von den Liedern geleitet wurde, jenen lieblichen Worten und von den unvergesslichen Sprichwörtern, die mir von der Wiege an so lieblich in den Ohren klangen und die ich in meinem Herzen gesammelt habe wie mein eigentliches Erbe. Und ich habe mich bemüht, zu verdeutlichen, dass einige unserer dichterischen Gewohnheiten noch immer eine gewisse patriarchale und urwüchsige Frische bewahren und dass in unserem lieblichen und klangvollen Dialekt genauso trefflich jede Art von Versifikation gelingt.

Mein dichterisches Vermögen bliebt dabei wahrlich weit hinter dem zurück, was ich mir zu erreichen gewünscht habe, und deshalb schmerzt mich meine Unzulänglichkeit umso mehr, wenn man begreift, wie viel mehr ein ausgezeichneter Dichter darin hätte erreichen können.

Denke ich an das Buch der Lieder von Don Antonio Trueba, das mich inspirierte und mir Kraft gab, diese Arbeit zu Ende zu führen, bekomme ich Gewissensbisse,und mir steigen fast Tränen in die Augen, wenn ich mir bewusst mache, dass sich Galicien zu seinem verdienten Platz in der Welt aufschwingen könnte, wenn ein Dichter wie Antón, den man ja auch den «Singenden Antón» nennt, der Empfänger dieser Lieder gewesen wäre, um Galiciens Schönheit und seine Sitten bekannt zu machen. Doch mein unglückliches Vaterland ist hier so bedauernswert wie in allem anderen auch. Es muss sich nun mit einigen kalten und faden Seiten begnügen, die kaum würdig sind, sich weit entfernt vor den Toren des Parnass aufzuhalten, wäre da nicht ein edles Gefühl, das sie erschaffen hat. Dies selbst möge mir gegenüber all denjenigen als Entschuldigung dienen, die meine Fehler mit Fug und Recht kritisieren werden, denn ich denke, dass ich als diejenige, welche sich darum bemüht, die Fehler zu tilgen, die ihr Vaterland zu Unrecht beleidigen und in den Schmutz ziehen, einige Nachsicht verdient!

Lieder, Tränen, Klagen, Seufzer, Abenddämmerungen, Kirchweihfeste, Landschaften, Viehweiden, Kiefernwälder, Einsamkeiten, Ufer, Volksbräuche, kurzum, all das, was um seiner Form und Farbe willens würdig ist, besungen zu werden, all das, was als Echo, als Stimme, als noch so leichtes Rauschen in meinem Herzen eine willige Aufnahme fand, all das habe ich in diesem bescheidenen Buch zu besingen gewagt, um es, wenn auch nur ungelenk, all denen wenigsten einmal zu zeigen, die uns grundlos verachten, obwohl sie überhaupt keine Ahnung von uns haben; all denen möchte ich hiermit also sagen, dass unsere Heimat tatsächlich lobenswert ist und dass es gar nicht unsere Sprache ist, die sie dort in den aufgeklärtesten Provinzen mit Hohngelächter auf plumpe Art verfälschen und radebrechen, was in Wahrheit (auch wenn dies hart klingen mag), die krasseste Ignoranz und das unverzeihlichste Unrecht beweist, welche eine Provinz einer Schwesterprovinz antun kann, so arm sie auch immer sein mag. Aber das Traurigste an dieser Frage ist hier doch die Verlogenheit, mit der man anderswo über die Söhne Galiciens sowie über Galicien selbst spricht. Galicien, das man üblicherweise als die verächtlichste und hässlichste Provinz ganz Spaniens aburteilt, wo sie doch vielleicht die Schönste und die Lobenswerteste ist.

Ich will damit niemanden in seiner Empfindlichkeit verletzten, obwohl man, ehrlich gesagt, es demjenigen verzeihen könnte, der von allen Seiten her so schwer angegangen wurde, wenn er sich damit ein wenig Luft verschaffte. Aber ich habe mehrmals die Einöden Kastiliens durchreist, welche einem eine Vorstellung davon geben, was eine Wüste ist; ich habe die fruchtbare Extremadura und die weite der La Mancha bereist, wo die bleiheiße Sonne auf eintönige Felder fällt, wo die Farbe trocknen Strohs der Landschaft einen so müden Ton verleiht, dass es den Geist entkräftet und betrübt, denn dort kann sich der Betrachter noch nicht einmal an einem Grashälmchen ergötzen, da sich sein Blick nur in einem wolkenlosen Himmel verlieren kann, welcher genauso eintönig und langweilig ist wie das Land selbst, das er überwölbt. Ich habe auch die berühmten Gegenden Alicantes besucht, wo die hier und da in Reih’ und Glied gepflanzten Olivenbäume in ihrem dunklen Grün zu weinen scheinen, da sie sich so einsam und verlassen fühlen; ich sah auch das herrliche, fruchtbare Obstland um Murcia herum, das ebenso berühmt ist und so hoch gepriesen wird, das aber doch nur eine langweilige Vegetation zeigt, die genauso öde und eintönig ist wie der Rest dieses Landes, welches mit seinen symmetrisch an den Wegesrändern entlang aufgestellten Bäumen so aussieht als hätte jemand eine Landschaft auf einen Pappkarton gemalt, damit vielleicht Kinder mit ihm spielen können. Aus all diesen Gründen kann ich nicht umhin, als mich über die Söhne der anderen Provinzen zu empören, die Gott mit allem Überfluss gesegnet hat, außer der Schönheit von Feld und Flur. Und es sind eben dieselben, die Galicien verhöhnen, dessen Klima und Anmut den zauberhaftesten Ländern der Welt ebenbürtig ist; dieses Galicien, wo alles wildwüchsige Natur ist und wo die Herrschaft des Menschen den Raum der Herrschaft Gottes überlässt.

Seen, Wasserfälle, Wildbäche, blühende Auen, Täler, Berge, so heitere und blaue Himmelsgewölbe wie die Italiens, wolkige und schwermütige Horizonte, die dennoch immer so schön sind wie die viel gerühmten Himmel über der Schweiz; anmutige, stille Flussufer, stürmische Felsenküsten, die uns ob ihrer gewaltigen und ohrenbetäubenden Wellenwut erschaudern und sie uns doch gleichzeitig auch bewundern lassen… unendliche Meere… Was soll ich noch sagen? Es gibt keine Feder, welche den ganzen großartigen Liebreiz aufzählen könnte. Das Land ist zu allen Jahreszeiten mit Blumenwiesen und Kräutern bedeckt; die Berge stehen voller Kiefern, Eichen und Weidenbäumen; die sanft wehenden Winde, die Wellen und die Wildbäche, die sich im Sommer wie im Winter tosend und kristallklar, bald über die fröhlichen Felder bald in tiefe und düstere Schluchten ergießen… Galicien ist immer ein Garten, wo man die reinen Düfte, wo man Frische und Poesie einatmen kann… Und dennoch erfahren wir von den Ignoranten eine solche Arroganz, und dennoch existieren derart niederträchtige Vorurteile gegenüber unserer Heimat, dass selbst diejenigen, welche die ganze Schönheit leibhaftig sehen konnten (wir wollen jetzt gar nicht weiter von der Mehrheit reden, die sich über uns lustig macht, ohne uns jemals auch nur aus der Ferne gesehen zu haben), dass selbst diejenigen, die Galicien betreten, betrachtet und seine ihm dargeboten Gaumenfreuden genossen haben, dass selbst diejenigen zu sagen wagen, dass Galicien… ein Schweinestall sei!!… Und das waren vielleicht genau diejenigen Söhne… jener verbrannten Länder, aus denen selbst die Vöglein fliehen!… Was sollen wir dazu noch sagen? Nichts weiter, als dass man solche Art von Arroganz gegenüber unserem Land mit jener der Franzosen vergleichen könnte, wenn sie von ihren ewigen Siegen über Spanien reden. Spanien besiegte Frankreich nie, niemals; im Gegenteil, immer ging Spanien besiegt, niedergeworfen und erniedrigt aus den Kriegen hervor; und das Traurigste an der Sache ist, dass für die Franzosen eine solch infame Lüge genauso «gilt», wie sie für das trockene Kastilien «gilt», für die öde La Mancha und für alle übrigen Provinzen Spaniens -und keine Provinz ist vergleichbar mit der wahrhaften Schönheit unserer Landschaft-, dass nämlich Galicien die verächtlichste Ecke der Welt sei. Man sagt ja gern, dass alles auf dieser Welt Vergeltung findet, und so kommt es wohl daher, dass Spanien unter einer Nachbarnation leidet, von der es immer nur beleidigt worden ist; doch dasselbe Unrecht, ja sogar ein noch ein viel größeres Unrecht, begeht Spanien an einer gedemütigten Provinz, an die sich niemand erinnert, es sei denn, um sie nur noch mehr zu demütigen. Mir tut das Unrecht sehr leid, welches die Franzosen uns zuteil werden lassen, aber in diesem Augenblick bin ich ihnen fast dankbar dafür, denn sie geben mir ein Mittel an die Hand, mit dem ich Spanien das Unrecht greifbarer machen kann, welches es seinerseits an uns begeht.

Das war der hauptsächliche Beweggrund, der mich dazu antrieb, dieses Buch zu veröffentlichen, welches, ich weiß es selbst besser als jeder andere, die Nachsicht aller nötigt hat. Ohne Grammatik oder irgendwelche Regeln, wird der Leser häufig orthografische Mängel finden, Redewendungen, die den Ohren eines Sprachpuristen missfallen werden; aber wenigstens, und damit möchte ich mich ein wenig für diese Mängel entschuldigen, habe ich den größten Wert darauf gelegt, den wahren Geist unseres Volkes wiederzugeben, und ich denke, dass es mir zumindest ein wenig gelungen ist…, wenn auch nur auf eine schwache und kraftlose Art und Weise. Möge der Himmel dafür sorgen, dass ein Dichter, der begnadeter ist als ich, einmal die bezaubernden Bilder in seinen wahrhaften Farben schildern kann; Bilder, die man hier überall findet, sogar in den verborgensten und völlig vergessenen Winkeln; wenn es auch weder zu Ruhm noch Nutzen gereicht, so wird man dann zumindest den einen Sieg erringen: Dass man mit Respekt und der wohlverdienten Bewunderung auf dieses unglückliche Galicien schaut!

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