Notizen zur deutschsprachigen Rezeption Rosalía de Castros in Deutschland

Zusammen mit Autoren wie Miguel de Cervantes oder Federico García Lorca zählt die in ganz Spanien bekannte und viel gelesene klassische Dichterin Rosalía de Castro zu den wichtigsten Autoren der spanischen Literatur. Auch im deutschsprachigen Raum gibt es eine lange Rezeptionsgeschichte wie der Blick in verschiedene ältere und neuere lexikalische Standardwerke zur romanischen, allgemeinen oder auch Welt-Literatur zeigt. In der Fachliteratur hat unsere Autorin immer wieder Beachtung gefunden.

Die Bewertung der Galicierin hat sich aber innerhalb der Diskussion im 20. Jahrhundert verschoben. Bei der chronologischen Lektüre der Lexikaeinträge wird deutlich, dass sich das heutige Bild der Schriftstellerin erst allmählich herausgebildet hat.

In den Jahren 1923, 1933 und 1936 ist das von Hanns Heiss, Friedrich Schürr, Hans Jeschke, Kurt Jäckel, und später auch von Walther von Wartburg 1.) herausgegebene Handbuch der Literaturwissenschaft: Romanische Literaturen des XIX.-XX. Jahrhunderts I. (COPYRIGHT 1923 BY AKADEMISCHE VERLAGSGESELLSCHAFT ATHENAION M.B. H. BERLIN-NEU BABELSBER SPAMERSCHE BUCHDRUCKEREI IN LEIPZIG – MADE IN GERMANY) eine erste Quelle, die Aufschluss über die Aufnahme Rosalía der Castros Dichtung im deutschen Sprachraum gibt.

In der Ausgabe von 1923 finden wir den Artikel zu unserer Autorin auf den Seiten 360-362. Dort heißt es:

Von Bécquer, dem größten spanischen Lyriker des 19. Jahrhunderts, um dessen liebenswürdige Persönlichkeit der ganze Glanz und Schimmer des genialen romantischen Dichters webt, nehmen wir damit Abschied und wenden uns dem lyrischen Schaffen seiner bedeutenden, ihm geistesverwandten Zeitgenossin Rosalía de Castro zu, mit deren Würdigung wir die Betrachtung der romantischen Bewegung in Spanien abzuschließen gedenken.“

Schon in diesem frühen deutschsprachigen Beitrag über Rosalía de Castro finden wir Hinweise auf die Biographie unserer Autorin, welche wiederum auf ihre Dichtung bezogen werden. Dieses Vorgehen wird in späterer Rezeption häufig wiederholt und ein Zusammenhang von Dichtung und Leben sehr deutlich unterstrichen, so dass manchmal der Eindruck, Rosalías Lyrik sei kaum mehr als eine Abfolge biographischer Notizen. Der Einfluss der Biographie auf den kreativen Prozess eines Dichters soll hier gar nicht in Abrede gestellt werden. Allerdings ist es vom literaturwissenschaftlichen Standpunkt aus nicht legitim den Text eines Schriftstellers mit konkreten Lebenserfahrungen gleichzusetzen. Diese Vorgehensweise wird spätestens dann diskussionswürdig, wenn Autor und Erzählerfigur bzw. lyrisches Ich mit einem mathematischen Gleichzeichen versehen werden.

Der hier vorgestellte Handbuchartikel scheint frei von solchen, eher kritischen Überlegungen. Der Biographie Rosalías wird in diesem frühen deutschsprachigen Artikel eine besondere Bedeutung für Rosalía de Castros dichterischen Arbeitsprozess eingeräumt.

Als uneheliches Kind eines katholischen Priesters 1837 geboren, wuchs Rosalia (sic!) de Castro in Galicien auf, erhielt eine sorgfältige Erziehung und kam mit 19 Jahren nach Madrid. 20 Jahre alt verheiratete sie sich mit einem Journalisten, Manuel Murguía, dem sie mehrere Kinder schenkte. Zeit ihres Lebens wurde sie von häßlichen Anfeindungen, die wohl mit ihrer unehelichen Geburt zusammenhingen, von Krankheiten und Entbehrungen heimgesucht und starb 1885 nach einem Leben ernstester Pflichterfüllung als Mutter und Gattin, nach einem Leben, dessen schwere Bürde sie mit wahrhaft christlicher Geduld und Demut ertragen hatte.

Wie schwer dieses Leben für sie war und wie einsam und zerrissen das Innere der Dichterin, können wir ahnen, wenn wir ihre Gedichte lesen, insbesondere den Band »En las orillas del Sar« (An den Ufern des Sar), der ein Jahr nach ihrem Tod in Madrid erschien. Unter den vorher veröffentlichten Werken – 1857 der erste Gedichtband »La Flora« (sic!) – sind die wichtigsten die »Cantares Gallegos« (Vigo 1863, deutsch Galicische Lieder) und »Follas novas« (Madrid 1880, deutsch: Neue Blätter), die aber ebenso wenig wie ihr letztes Werk gebührende Anerkennung fanden.“

Der Ausdruck der „gebührenden Anerkennung“, welcher hier verwendet wird, entbehrt nicht einer gewissen Zweideutigkeit. Meinen die Herausgeber, dass Rosalía als klassische Dichterin eine überzeitliche Anerkennung gebührt oder beziehen sich die Autoren auf Rosalías lyrischen Schaffen, welchem zur Zeit der Publikation nicht die gebührende Anerkennung geschenkt worden war? Dass Rosalía mit ihrer Dichtung auf der Höhe mit einem Bécquer steht, da sie mit ihm verglichen wird, kennzeichnet sie als Dichterin von Rang. – Der Vergleich mit Bécquer gehört allerdings ebenso zu den Stereoptypen der Rezeptionsgeschichte wie das Trauma der unehelichen Geburt. – Hier könnte der Eindruck entstehen, dass der Lyrik einer schreibenden Frau nicht der gleiche, eigenständige Weert zugeschrieben werden soll, wie dies vielleicht bei einem männlichen Dichter geschehen wäre.

Die Autoren wenden sich nach der Diskussion biographischer Sachverhalte zunächst den »Galicischen Liedern« zu.

„Die »Cantares« enthalten volkstümliche Lieder fröhlichen Charakters, so volkstümlich, dass bei folkloristischen Aufnahmen eine ganze Anzahl von ihnen als Volkslieder angesehen und aufgezeichnet werden. Es sind Lieder einer jungen Dichterseele, deren Blick in die Zukunft noch durch keine traurigen Lebenserfahrungen getrübt worden ist.“

Die heutige Bedeutung Rosalía de Castros als Symbolfigur einer galicischen Nationalität und Erneuerer der galicischen Literatur ist Anfang des 20. Jahrhunderts noch offensichtlich noch nicht Gegenstand der Diskussion. Das Augenmerk liegt vielmehr auf dem Ausdruck einer romantischen Gefühlslyrik:

Die »Follas novas«, die ebenso wie die »Cantares« in galicischer Mundart geschrieben sind, zeigen die Dichterin auf einer weiteren Stufe ihrer Entwicklung. Melancholische Balladen und Gedichte, in denen ironische und sarkastische Töne immer stärker und öfter anklingen, füllen diesen Band, der stark an Bécquers damals berühmt gewordene »Rimas« erinnert. Während die Gedichte der »Follas novas« wie Bécquers »Rimas« im allgemeinen noch auf den Grundton einer zarten Traurigkeit abgestimmt sind, herrscht in der persönlichsten und bedeutendsten, in spanischer Sprache verfassten Sammlung Rosalía de Castros, »En las orillas del Sar«, ein bis zur Bitterkeit verdüsterter Schmerz und Pessimismus vor. Als charakteristisch für den Gehalt und die Tonart der Gedichte dieses Bandes möchte ich folgendes kurze Gedicht zitieren:

Aus Staub und Schlamm geboren

Werden wir wieder zu Staub und Schlamm;

Warum denn so viel kämpfen, wenn wir

Doch besiegt zu Boden sinken müssen?

Wenn die Rose voller Furcht und Demut

Daran denkt, erzittert sie,

Zittert im rauen Winde und sucht

Einen Winkel, den niemand kennt,

Um dort zu sterben, wenn nicht glücklich,

So doch in Frieden.

(En las orillas del Sar, Madrid 1909. Seite 113)“

Der Hinweis auf die Modernität der Galicierin erfolgt bereits hier. Die Modernität wird dabei allerdings in erster Linie im formalen Ausdruck ihrer Lyrik gesehen:

„Formal dagegen ist dieses Gedicht keineswegs typisch, da es im ersten Teil den Achtsilber, im zweiten die bekannte klassische und von der Romantik übernommene Kombination von Sieben- und Elfsilbern bringt und außerdem den sonst in »Orillas del Sar« seltenen Reim zeigt. Auffällig ist lediglich, dass die beiden Strophen in jeder Hinsicht ungleich gebaut sind und drei verschiedene Versarten in den neun Versen des Gedichts zur Anwendung kommen.“

Im folgender Ausführung wird für Rosalías Lyrik wieder das Konzept der Gefühlslyrik angestrengt:

„Bei Rosalía de Castro ist wie bei Bécquer ihr eigenes Innenleben der Stoff ihrer Gedichte. Unverhüllt wie im obigen Gedicht der bereitet sie die Qualen und Zweifel ihrer Seele vor uns aus oder gibt, ganz modern, indirekt in der Schilderung friedlich oder trostlos trauriger Landschaft ihre Seelenstimmung wieder. Dafür je ein Gedichtanfang als typisches Beispiel:

Stiller, milder Schmerz in folgenden Versen:

Friedlich war der Tag

Und lau die Luft,

Und es regnete, regnete

Still und sacht;

Und während ich schweigsam

In mich hinein weinte und seufzte,

Schlief mein Kind, ein zartes Röslein,

In den Tod hinüber.

Welch stiller Friede auf seiner Stirn beim Scheiden

Aus dieser Welt!

(op. cit. Seite 44).

Das Gefühl düsterer Lehre und dumpfer Angst in nachstehenden Strophen:

Aschgrau die Wasser; kahl

Die Bäume und Berge aschgrau;

Grau der Nebel, der sie verschleiert

Und grau die Wolken, die am Himmel hinziehen.

Auf der Erde herrscht trauriges grau vor

Die Farbe des Alters!

Von Zeit zu Zeit klingt gedämpft das Geräusch

Des Regens auf, und der Wind,

Der durch die Bäume fährt, pfeift und stöhnt

In so seltsamen, wohlklingenden und schmerzlichen

Klage lauten auf, als riefe man nach den Toten.

(Op. cit. Seite 86.)

Die Schreiber vergessen bei ihrer Analyse nicht, Rosalía de Castros exzellenten Fähigkeiten der Versgestaltung zu erwähnen. Aber auch hier müssen männliche Autoritäten als Rechfertigung dienen:

„Beim ersten Gedicht ist formal die Strophenform und die Verwendung von Sieben- und Dreizehnsilblern in der gleichen Strophe bemerkenswert, beim zweiten ebenfalls die eigenwillige Gestaltung der Strophenform, was an musikalisches Durchkomponieren erinnert; ferner wieder die Verwendung unpaariger Verse, wenn auch in der üblichen Kombination von Elf- und Siebensilblern, sowie die zahlreichen Enjambements.

Die darin zutage tretende innergesetzliche Musikalität von Rosalía de Castros Versen, deren Form mit dem Inhalt zugleich geboren wird, und bei denen sich daher Form und Inhalt gegenseitig bedingen und durchdringen, sichert der Dichterin in der spanischen Lyrik des 19. Jahrhunderts einen hervorragenden Platz. An originell-rhythmischem Empfinden und Gestaltungskraft ist sie zweifellos sogar Bécquer überlegen; denn sie hat bereits in ihrer Verskunst wichtige Prinzipien der Verlaineschen »Art poétique«: Musikalität der Verse — »De la musique avant toute chose« — und Vorliebe für die verschwebenden unpaarigen Verse — »Et pour cela préfere l’impair« —vorweggenommen und verwirklicht, die in Spanien erst um 1900 mit dem »modernismo« aufkamen. Diese Originalität ihrer Versgestaltung oder, wie die zeitgenössische Kritik vorwurfsvoll bemängelte, »adoptar metros inusitados y combinaciones nuevas« („sich ungewöhnliche Metren und neue Kombinationen zu eigen machen“, C.S.) ist zum großen Teil daran schuld, daß Rosalía de Castro das Schicksal vieler Vorläufer teilen mußte und bei den Zeitgenossen nur wenig Verständnis für ihre Dichtung fand.“

Trotz des Lobes finden die Autoren dennoch einen schwerwiegenden Kritikpunkt an Rosalía de Castros Dichtung, der nicht von der Hand zu weisen sei. Es sei der »Prosaismus« Rosalías der ihre Dichtung wiederum hinter der Bécquers zurückfallen ließe:

Andererseits besaß sie allerdings auch nicht in so hohem Maße wie der damals durch seine »Rimas« gerade berühmt gewordene Bécquer die Fähigkeit, ihre Empfindungen und Erlebnisse aus der Sphäre des mitteilenden, berichtenden Bekennens in eine dichterische Ebene zu erheben, ohne die Unmittelbarkeit der lyrischen Wirkung zu beeinträchtigen. Dieser Prosaismus, der trotz der abwechslungsreichen guten Instrumentation in ihren Gedichten oft durchbricht, stört auch den heutigen Leser. In dem Bande »En las orillas del Sar« tritt dieser Mangel an dichterischer Gestaltungskraft besonders stark zutage, weil fast sämtliche Gedichte dieser Sammlung auf den gleichen Grundton von Hoffnungslosigkeit, Todessehsucht und bitterer Enttäuschung abgestimmt sind. Das ermüdet auf die Dauer und läßt das Interesse erlahmen.“

Schließlich wird unsere Autorin ganz in den Kontext der europäischen Romantik gestellt. Der Schluss des Artikels lässt nicht den Eindruck aufkommen, dass Rosalía als eine Dichterin betrachtet wird, die durch ihre Verskunst bedeutende Dichter der spanischsprachigen Moderne inspiriert hat:

„Mit Bécquer und Rosalía de Castro klingt die Romantik in Spanien aus. Nachdem die stark vom Ausland inspirierte Theaterromantik des Martínez de la Rosa und des Duque de Rivas verrauscht, das genialische Pathos Esproncedas und die sonore Fanfare des nationalen Barden Zorrilla verklungen waren, fand in der Lyrik dieser beiden Dichter das zeitgenössische Empfinden seinen reinsten und innerlichsten Ausdruck und die beiden Forderungen Larras nach der »importante y profunda inspiración« („wichtigen und tiefen Eingebung”, C.S.) in der Lyrik und nach einer Literatur, die Ausdruck der Epoche sei (»la literatura nunca puede ser sino expresión de la época«, – „die Literatur kann immer nur Audruck der Epoche sein” C.S.), ihre ideale Erfüllung.

In Portugal verläuft die romantische Bewegung ganz ähnlich wie in Spanien. Zeitlich setzt sie eben falls erst nach der endgültigen Beseitigung des absolutistischen Regimes ein. Ferdinand VII. Starb 1833. Don Miguel mußte 1834 Portugal verlassen und ging in die Verbannung nach Wien. Die Träger der neuen literarischen Bewegung sind auch in Portugal Männer liberaler Gesinnung, die in den Jahren des Kampfes um die konstitutionelle Monarchie

(in Portugal 1822-1834; in Spanien 1812-1833) wiederholt die Heimat verlassen und als Emigranten jahrelang in Frankreich und England leben mußten. Wie ihre spanischen Gesinnungsgenossen lernten sie dort die Werke der großen englischen und französischen Dichter der Romantik: Scott, Byron, Chateaubriand, Lamartine und Victor Hugo kennen und wurden dadurch zu eigenen Schöpfungen angeregt.“

Wenn Rosalía de Castros Dichtung hier in ihrer Qualität und Außergewöhnlichkeit wahrgenommen, aber auch nicht unvoreingenommen beurteilt wird, so muss man doch positiv feststellen, dass sie als eine ernst zunehmende Lyrikerin dargestellt wird.

In einem literaturwissenschaftlichen Nachschlagewerk der Nachkriegszeit, das in Österreich herausgekommen ist, habe ich folgenden Eintrag gefunden:

Castro, Rosalia (sic!), span.-galic. Dichterin, geb. 21. 2. 1837 Santiago de Compostela, + 15. 6. 1885 bei Patrón (sic!).“

Rosalía wird sowohl ihr Kennzeichen adliger Herkunft »de« als als auch der Akzent auf dem »i« ihres Vornamens genommen. Ein weiterer Fehler ist der Todestag, welcher mit dem 15. Juni einen Monat zu früh datiert ist. Diese Ungenauigkeiten und Fehler, mögen damit zu entschuldigen sein, dass dieses Nachschlagewerk in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist und die Situation eines zerstörten Landes in Österreich ähnlich prekär war wie in Deutschland. Die Nachkriegssituation war für alle Bereiche der universitären Geisteswissenschaft, deren Existenzberechtigung kaum mit ökonomisch messbaren Werten begründet werden konnte, äußerst schwierig. Wollte jemand damals seinen Doktor machen, mussten Dutzende von auf schlechtem Papier gedruckten Exemplaren der Dissertation abgeliefert werden, damit die Universitätsschrift per Post deutschlandweit an alle Universitätsbibliotheken versandt werden konnte. Die Druckkosten konnten sich schnell auf mehr als 1000 Mark belaufen, die steuerlich nicht absetzbar waren. Als Referendar für das Lehramt am Gymnasium verdiente man in den 50er Jahren in Deutschland um die 80 Mark im Monat. Wer sich mit (fremdsprachiger) Literatur beschäftigte, hatte kaum Recherchemöglichkeiten. 1951, sechs Jahre nach Kriegsende, war nicht nur in Deutschland die Literaturbeschaffung noch recht beschwerlich. Viele Universitäts- und Staatsbibliotheken (wie z.B. die in München) wurden im Krieg schwer getroffen und haben wichtige Bestände verloren. Die Beschäftigung mit dem Galicischen oder mit Rosalía de Castro war eher eine Randerscheinung.

Diese Aspekte müssen wir uns heute wieder ins Gedächtnis rufen, wenn wir den ersten Band (A bis G) des mehrbändige Lexikons, das 1951 in Österreich

unter dem Titel »Die Weltliteratur. Biografisches, literarhistorisches und bibliografisches Lexikon in Übersichten und Stichwörtern von E. Frauwallner, H. Giebisch und E. Heinzel« zur Hand nehmen. Das Lexikon ist im Verlag Brüder Hollineck in Wien herausgegeben worden.

Es ist bemerkenswert das hier schon Rosalías Mutter genannt wird und der Vater unbekannt sei: „Die Mutter der Dichterin, Doña Teresa C., entstammte einer adeligen Familie; der Vater blieb unbekannt.“

Auch hier werden die Lebensumstände der Dichterin thematisiert und als ein Bewertungskriterium für ihre Dichtung gedeutet:

Dieser Umstand umschattete ihre Kindheit. 1856 ging sie nach Madrid, und im folgenden Jahre erschien ihr erstes, noch unbedeutendes Buch. Sie war mit dem galicischen Historiker Manuel Murguía unglücklich verheiratet und starb, immer schon kränklich, verhältnismäßig jung in der heimatlichen Landschaft, die ihre Dichtung verherrlicht hatte.“

Hier lesen wir nun auch, dass Rosalía de Castro sowohl als Vorreiterin der galicischen Literatur-Rennaissance als auch der literarischen Moderne bewertet wird:

„Zur gleichen Zeit, als die provenzalische und katalanische Renaissance einsetzte, belebte R. C. die galicische Mundart aufs neue. Ihre musikalischen, wehmütigen Gedichte knüpfen an Versmaße der Volksdichtung an, sind vielfach mystisch-religiös und singen von Leid und Sehnsucht ihrer bäuerlichen Heimat. Dabei wirkt ihre Lyrik erstaunlich modern und weist bereits auf Machado, García Lorca und den Lateinamerikaner Darío hin.“

In dem Lexikon der Weltliteratur findet nicht nur Rosalías Lyrik, sondern auch ihre Prosa und Übersetzungen ins Englische Beachtung:

Ihre Prosawerke, vor allem die exotischen Erzählungen, setzen die romantische Tradition fort. W.: Lyrik: Cantares gallegos, 1863; Follas novas, 80; En las orillas del Sar, 84, spanisch geschrieben. Romane: La hija del mar, 59; Flavio, 61; Ruinas, 64. Erzählungen: El caballero de las botas azules, 67; El primer loco, 81. Ü.: Engl.: Beside the River Sar, 1937 (Ausw. aus „En las orillas del Sar”). Lit.: Einleitung zu obiger Übers.; C. Barja: En torno al lirismo gallego del siglo XIX, 1926.”

Im Jahre 1969 publiziert Albin Eduard Beau den Artikel zu Rosalía de Castro in dem von ihm federführend herausgegebenen Buch: »Kleines literarisches Lexikon. Vierte, neu bearbeitete und stark erweiterte Auflage. Erster Band. Autoren I. Von den Anfängen bis zum 19. Jahrhundert. Bearbeitet von Professor Doktor Albin Eduard Beau und anderen. In Fortführung der von Wolfgang Kaiser besorgt zweiten und 3. Aufl. herausgegeben von Horst Rüdiger und Erwin Koppen.«

Er bezeichnet Rosalía als »galizische Dichterin, geboren 1837 in Santiago de Compostela (Provinz La Coruña), gestorben 1885 in Padrón.«

Die bekannten biografischen Umstände werden auch hier wiederholt:

R. de C. war uneheliches Kind vornehmer Herkunft und heiratete 1856 den Schriftsteller Manuel Murguía, der an der Spitze der Bewegung für die kulturelle Eigenständigkeit Galiciens stand und bestimmenden Einfluss auf die Dichterin ausübte.“

Interessant ist in diesem Artikel der versteckte Hinweis darauf, dass sich Rosalía de Castro – parallel zu der vielfach einsetzenden Nationalitätenbewegung des 19. Jahrhunderts – für eine geistige und kulturelle und politische Unabhängigkeit Galiciens gegenüber dem auch kulturpolitisch zentralistischen Spanien eingesetzt haben soll. Diese keinesfalls unumstrittene Darstellung Rosalía de Castros Wirken ist also bereits Ende der 60er Jahre in der deutschsprachigen Diskussion angekommen. In dem Artikel von 1923 war davon noch überhaupt keine Rede. Die Annahme liegt nahe, dass eine Politisierung der Schriftstellerin von Außen an ihr Werk herangetragen worden sein könnte und ihr Werk von damaligen Rezipienten politisch instrumentalisiert wurde:

Ihre Hauptwerke – nach dem ersten Gedichtband »La Flor« (Die Blume), 1857, in spanischer Sprache und im romantischen Geschmack – sind die im heimatlichen galicischen Idiom verfassten Gedichte »Cantares Gallegos« (Galizischen Gesänge), 1863, und »Follas novas« (Neue Blätter), 1884, in denen sie sich als Dichterin mit der Eigenart des Volkes und der Landschaft ihrer verkannten und vernachlässigten Heimat identifizierte und für die Neubelebung der galizischen Dichtung dasselbe leistete wie F. Mistral für die der provinzialistischen.“

Die Bewertung der Lyrik und Prosa entspricht der Rezeptionstradition. Dieses Schema gerät erst nach 1986 ins Wanken:

Die spanischen Gedichte »En las orillas del Sar« (An den Ufern des Sar), 1884, erregten Aufsehen durch metrische Kühnheiten, durch die sie auf die moderne spanische Dichtung eingewirkt hat. Ihre Werke in spanischer Prosa, die psychologischen und satirischen Novellen »Flavio«, 1863, »Ruínas« (Ruinen), 1866, und »El primer loco« (Der erste Wahnsinnige), 1881 stehen nicht auf der Höhe ihrer Lyrik.“

Als Literaturangabe finden wir hier lediglich die Ausgabe »Obras Completas«, die ab 1944 herausgegeben wurde.

Hans Felten verfasst für Kindlers neues Literaturlexikon, 1988 / 1998 im Kindler Verlag München von Walter Jens herausgegeben, den im dritten Band (Bp-Ck) erscheinenden Artikel zu Rosalía. Wir finden unsere Autorin unter dem Eintrag »Rosalía de Castro de Murguía«. Bezüglich der Lebensdaten bemerken wir bei Felten eine Unsicherheit, da der 21. Tag im Februar 1837 mit einem Fragezeichen versehen wird. Der Geburtsort wird wie üblich mit Santiago de Compostela angegeben. Sterbeort und Sterbedatum erscheinen hier als 15. 7. 1885 in Padrón. Der Artikel wird mit den Worten „Das lyrische Werk (span./gal.) von Rosalía de Castro” eingeleitet. Tatsächlich spart sich Felten zunächst jeglichen Kommentar über Rosalías Herkunft oder andere, hinlänglich bekannte und dennoch diskussionswürdige biografische Einzelheiten und richtet sein Augenmerk in erster Linie auf Rosalías Dichtung und ihre Wirkung: „Rosalia de Castro, in der eine ideologisch ausgerichtete Kritik vor allem eine Symbolgestalt des galizischen Regionalismus und einer eigenständigen neuen galizischen Literatur oder auch eine frühe Feministin innerhalb einer patriarchalisch bestimmten Gesellschaft sehen will, steht im Kontext der spanischen Literaturgeschichte des späten 19. Jahrhunderts nahezu gleichrangig neben Gustavo Adolfo Bécquer (1836-1870). Ähnlich wie Bécquers »Rimas« (posthum 1871) kommt ihrem späten Lyrikband »En las orillas del Sar«, 1884 (An den Ufern des Sar), eine entscheidende Bedeutung auf dem Weg zu einer Erneuerung der spanischen Lyrik zu, wie sie sich schließlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem in der Schule der »modernistas« realisiert hat. Manche ihrer Verse – hierauf hat schon L. Cernuda (1902-1963) verwiesen – lassen sich unschwer auch als Vorwegnahme Ruben Daríos (1867-1916) verstehen, so zum Beispiel die modernistischen Klangmetaphorik der Schlussstrophe aus »Pensamientos de alas negras« (Gedanken aus schwarzen Flügeln) aus dem Zyklus »Santa Escolástica: frescas voces juveniles, armoniosos instrumentos, / A Venid!, que vuestros acordes yo quiero unir mis acentos« (Ihr jugendlichen frischen Stimmen, ihr Instrumente, in Harmonie,/Kommt, euren Akkorden will ich singend mich verbinden).“

Felten geht auch auf die Rezeptionsgeschichte ein, leider aber ohne auf die Bedeutung so wichtiger Autoren wie Azorín oder Unamuno im Rezeptionsprozess einzugehen: “Auch die Rezeptionsgeschichte zeugt vom ständig wachsenden Nachruhm der Rosalía de Castro. Zwar wird sie nicht gleich wie Becker zum »poeta contemporáneo« erhoben, doch huldigen ihr unter anderem Federico García Lorca (vgl. »Canzón de cuna pra Rosalía Castro (sic!), morta«. – Wiegenlied für die verstorbene Rosalía de Castro), Gerado Diego und unlängst auch José Ángel Valente. In ihren mit Rosalia überschriebenen Widmungsgedichten zitieren und variieren sie – Diego in spanischer, Valente in galizischen Sprache – Verse und Bildfragmente aus Rosalía de Castro aus spätem Prosagedicht »Dicen que no hablan las plantas, ni las fuentes, ni los pájaros« (Sie sagen, Pflanzen, Quellen, Vögel kennen keine Sprache).”

Hier wäre zu ergänzen, dass sich die Rezeption Rosalía de Castros nicht allein auf die Nachahmung ihrer Lyrik beschränkt.

Felten nennt alle bekannten Lyriksammlungen unserer Dichterin: „Das lyrische Werk umfasst fünf Bücher: die beiden frühen Werke, »La flor«, 1857 (Blüten), und »A mi madre«, 1863 (An meine Mutter), die in galizischen Sprache geschriebenen Sammlungen, »Cantares Gallegos«, 1863 (Lieder aus Galicien), und »Follas novas«, 1880 (Neue Blätter), sowie das wieder in spanischer Sprache verfasste Spätwerk, »En las orillas del Sar«.”

Es ist sehr verdienstvoll, dass sich Felten in seinen Ausführungen auch Rosalías ersten Gedichtband widmet: “Die sechs teilweise recht umfangreichen Probleme aus »La flor« – darunter als bekanntestes »Un recuerdo« (Erinnerung) – orientieren sich in Thematik, Stil und Versformen noch ganz an der Tradition der spanischen Romantik.”

In seiner Bewertung der Gedichte gelangt der Aachener Romanist zu folgendem Schluss: „Darüber hinaus eine psychologisierende Kritik in der schmerzvollen Liebesthematik – einem Leitthema auch in den späteren Werken, dass literaturgeschichtlich gesehen an J. Esproncedas »Canto a Teresa« erinnert – auch autobiografische Züge entdecken zu können: die »Sublimierung des Makels einer unehelichen Geburt«.

Wenn Felten aber meint, dass „trotz oder vielleicht besser wegen seiner Traditionalität […] der schmale Lyrikband der kaum 20-jährigen eine enthusiastische Kritik im Kreise der Madrider Literaten [erfuhr]“, so erweckt dies doch den Anschein eines tatsächlich nicht beweisbaren literarischen Erfolges des Erstlings. Tatsächlich stammt die enthusiastische Kritik von der hier geredet wird, von Manuel Murguía, einem alten Bekannten Rosalías aus den Tagen in Santiago de Compostela, den sie darüber hinaus kurz darauf ehelichen wird.

Nach diesem kurzen Exkurs zur frühen Lyrik Rosalías leitet Hans Felten auf das Thema der Modernität in Rosalía de Castro Lyrik über und bespricht den Gedichtband »Las orillas del Sar«:

“Anders als die stark traditionell geprägten Texte aus Laflor und die von der Trauer über den Tod der Mutter bestimmen meist einfachen Verse aus A mi madre verweisen die kaum mehr als einhundert Gedichte und Gedichtszyklen der Sammlung »En las orillas del Sar« auf die Moderne. Was dabei die Modernität der Autoren ausmacht, das sind neben der Thematik des Schmerzes, der Einsamkeit und des Todes und einer Weltsicht die »der Philosophie des absurden nicht mehr fern steht« (M. Mayoral) vor allem die stilistische und metrischen Neuerungen eine Vorliebe für die Assonanz, die Auflösung der strengen Vers und Strophenformen und Abrücken von der deklaratorischen Weitschweifigkeit der frühen Romantiker (vor allem Esperoncedas) und auch vieler ihrer Zeitgenossen. Mit diesen Neuerungen, so originell sie auch im einzelnen sind, steht Rosalía de Castro letztlich in der Nachfolge Bécquers. Auch in scheinbar ganz einfach gehaltenen Texten, wie zum Beispiel in dem vier Strophengedicht »Las Campanas« (Die Glocken) manifestieren sich die Besonderheiten der Lyrik Rosalia de Castros. Der reimlose Text ist auf das Thema des Todes als Teilnahme der Toten an der Welt der Lebenden hin pointiert, und das romantische Modell der Glocken, das zunächst scheinbar ganz konventionell eingeführt wird – »Yo las amo, yo las oigo cual oigo el rumor del viento,/ el murmurar de la fuente…« (Ich liebe sie, höre sie/wie Windesrauschen, Quellenmurmeln…) – Wird aus seiner traditionellen Zuordnung zur romantischen Weltschmerzthematik gelöst und dem Thema des Todes untergeordnet: »Si por siempre enmudecieran,… que extraneza entre los muertos« (doch verstummen sie einmal:… Welch wundern bei den Toten).“

Es fällt auf, dass auch in diesem Lexikon Eintrag die Lyrik Rosalía de Castros nicht uneingeschränkt als gelungen dargestellt wird. Ein Thema, das schon in dem Artikel aus den zwanziger und dreißiger Jahren bekannt ist. Neu ist hier allerdings die Begründung, dass Banalitäten, die in einer einfachen alltäglichen Sprache kontrastiert werden, ein Zeichen für weniger gelungene Lyrik ist:

“Trotz der Modernität, die zu Recht vor allem der spanischen Lyrik der Autoren zuerkannt wird, entgehen ihre Texte nicht immer der Redundanz und der Banalisierung. Dies gilt vor allem für die Gedichte, die auf die Tradition der »Doloras« (1846) von R.de Campoamor (1817-1901) in ihren aller Weltsweisheiten, ihrer einfach alltäglichen Sprache und ihrer Kontrastechnik verweisen, so zum Beispiel »Te amo… por qué me odias/ Te odio… por qué me amas (Ich lieb dich…: was hast du mich/Ich haß dich… was liebst du mich).”

Mir scheint dies Urteil doch ein wenig willkürlich zu sein, bedenkt man dass solch eine Art Lyrik bei Heinrich Heine, mit dem Rosalía de Castro so gerne verglichen wird, beispielhaft als Kennzeichen für einen großen deutschen Dichter genannt wird.

In Feltens Beitrag wird auch die mittlerweile sprichwörtlich gewordene Bedeutung Rosalías Dichtung für den erneuten Beginn des Galicischen als Literatursprache und der expliziten Sozialkritik ausgeführt:

Weit bedeutsamer noch als für die die spanische ist Rosalía de Castro für die galizischen Literatur. Die Cantares Gallegos markieren nach einhelliger Auffassung der Kritik den Beginn einer Renaissance des galizischen als Literatursprache, den es seit dem späten Mittelalter verloren hatte. Und mit »Follas novas«, dem zweiten auf galizischen geschriebenen Lyrikband, hat Rosalía de Castro das Galicische endgültig wieder als Literatursprache institutionalisiert. In dem viel zitierten Prolog zu den Cantares gallegos, der sich als eine literarische und mehr noch als eine politisch gesellschaftliche Programmschrift begreifen lässt, in die Dichterin ihre vorrangigen Ziele: die Apologie und Rehabilitierung der so viel geschmähten Region Galicien, der Menschen und ihrer Sprache. Dieses Galicien, das für Ignoranten und böswillige nur ein »Dreckstall« (»un cortello inmundo«) sei, stilisiert Rosalía de Castro zu einer gleichsam paradiesischen und dann auch poetischen Landschaft: »Sehen, Wasserfälle, Sturzbäche, blühende Auen, Täler, Höhenzüge, der Himmel, so heiter wie diejenigen Italiens… Galicien ist immer ein Garten, in dem man reine Düfte atmet, Frische und Poesie«. Gegenstand der »Cantares gallegos« sei die Poesie des Volkes, zu deren Sprecherin sie sich gemacht habe: »All das, was um seine Form und seines Kolorit Willen wert ist, besungen zu werden, all das, was als Echo, als Stimme, als an Murmeln… an mein Herz berührt hat, all das habe ich in diesem schlichten Buch zu singen gewagt, um einmal wenigstens… Denen, die uns… Missachten, zu sagen, dass unser Land rühmen wert ist und dass unsere Sprache nicht das Kauderwelsch ist, dass man plump sie verfälschen,… dafür ausgibt…«. Die Politisierung der Landschaft und der Glaube an das Volk als schöpferische Größe, an denen sich Rosalía de Castro in den »Cantares gallegos« orientieren will, all diese Vorstellungen sind zwar Topoi der europäischen Romantik, doch hat die Autorin sie als erste auf Galicien bezogen. Es ist indes nicht nur ein idyllisch poetisches Galicien mit seinen Kirchweihfesten und Volksbräuchen und einer volksliedhaften Liebe (zum Beispiel »San Antonio bendito ,/dádeme un home« – Heiliger San Antonius, schenkt mir einen Mann), wenngleich sie andererseits nicht überaus stark vertreten ist, die soziale Thematik, und hier vor allem das Thema von wirtschaftlicher Armut erzwungenen Emigration. Als populär gewordene Texte sind in diesem Zusammenhang vor allem zu nennen: das Abschiedslied des jungen Auswanderer: »Adiós rios, adiós fontes« (Lebt wohl ihr Flüsse, ihr Quellen) und das Klagelied »Castellanos de Castilla,/tratáde ben ós gallegos« (Ihr Männer aus Kastilien, behandelt die Galicier gut), der Protest und Aufschrei einer Frau gegen die Arbeitsbedingungen in Kastilien, denen ihr Mann zum Opfer gefallen ist.“

Felten hebt schließlich auch hervor, dass die soziale Problematik besonders in den »Follas novas« an Schärfe gewinnt, aber das vor allem auch die hohe poetische Qualität ihrer Dichtungen Rosalía zu Symbolfigur gemacht haben, zur Personifikation des galicischen Geistes:

Noch weit schärfer als in den Cantares gallegos zeichnet Rosalía de Castro in den »Follas novas« die soziale Problematik Galiciens. Im Prolog bekennt sich ausdrücklich zu dieser Zielsetzung: die Mehrzahl der Texte »soll Ausdruck geben von den Drangsal derer, die schon so lange leiden«. Wieder sind die Themen: Hunger, Armut, Ausbeutung, Verlassenheit, erzwungene Auswanderung, vgl. z.B. das »Pra Habana« (Auf nach Havanna) überschriebene Einleitungsgedicht zudem mit »Ás viúdas dos vivos i as viúdas dos mortos« (die Witwen der Lebenden und die Witwen der Toten) betitelten fünften Teil der Sammlung: »Vendéronlle os bois,/vendéronlle as vacas…« (Sie verkauften in die Ochsen,/sie verkauften ihm die Kühe). Auch der soziale Protest verschärft sich in den Follas novas. So wird in dem Poem »A xusticia pola man« (Selbstjustiz) wie schon in »Castellanos de Castilla«, eine Frau zur Sprecherin des Protests gemacht. Rosalía de Castros Texte sind indes weit mehr als zeitgebundene Sozialkritik und Zeugnis der Misere Galiciens im späten 19. Jh. Gerade auch in den »Follas novas« finden sich Verse, die fern aller vordergründigen Sozialproblematik mit ihrer kunstvollen Gestaltung des Leidens an die mittelalterlichen »Chansons de toile« erinnern (vgl. z.B.: »Tecín soya a miña tea« – allein webt ich mein Linnen) oder die den Schmerz der Frau, die vergeblich auf die Rückkehr ihres Mannes hart, in eine einfache »Copla« fassen und in zwar alte, aber dennoch eingängige Symbole konzentrieren: »Non coidderéi xa os rosales,/ que teño seus, nin os pombos« (nicht mehr denk ich an die Rosen, / die mehr seine wahren, nicht mehr an die Tauben). – Das soziale Engagement, das so viele ihrer Texte auszeichnet, aber nicht zuletzt auch ihre so eingängigen Verse haben Rosalía de Castro für nicht wenige ihrer galizischen Landsleute zu einem Mythos Galicien zur »personificación del espíritu gallogo« (M. Mayoral), werden lassen.“

Leider bricht Feltens Beitrag hier ab und das seit dem großen internationalen Rosalía de Castro Kongress im Jahre 1986 neu erwachte Interesse an ihrem Prosawerk findet hier keinen Widerhall.

Dennoch gehört Hans Feltens Rosalía de Castro-Artikel zu den umfangreichsten und der damaligen Rezeption unserer Autoren in Deutschland entsprechenden Beiträgen. Der Eintrag in Kindlers Literaturlexikon, das 2009 in einer dritten, völlig neu bearbeiteten Auflage im Metzler Verlag erschienen und von Heinz Ludwig Arnold herausgegeben worden ist, bietet dem hingegen kaum brauchbare Informationen und fällt um Längen hinter allen hier vorgestellten Artikel zurück. Die stichpunktartige Passage in Kindlers Literaturlexikon trägt vielmehr zu einer Stereotypisierung Rosalías bei als zur Erstinformation über eine Autorin von Rang, indem es dort heißt, dass sie „Tochter eines Priesters“ sei und sie „ihr Leben lang unter dieser illegitimen Herkunft (litt.)“. Dass Rosalía „nach kurzem Aufenthalt in Zentralspanien die meiste Zeit ihres Lebens in Galicien (verbrachte)“ ist zwar richtig, trägt aber weder zum Verständnis ihrer Dichtung noch ihrer Biographie bei. Die Etikettierung Rosalía de Castros als „Vorläuferin der galicischen Modernisten” ist darüber hinaus doppeldeutig bis falsch. Kindlers Literaturlexikon verzeichnet weder die Übersetzung Vogelgsangs noch die Dissertationsschrift Briesemeister als deutschsprachige Veröffentlichungen.

Fußnoten:

1.) Zur Haltung der einzelnen Romanisten in der Zeit ab 1933 sind die einzelnen Wikipedia-Einträge ein erster Hinweis. Über das Verhalten einzelner Romanisten im Nationalsozialismus hat Frank-Rutger Hausmann ausführlich geforscht.

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