María Xesús Lama veröffentlicht Rosalía de Castro Biographie

María Xesús Lama hat Anfang dieses Jahres im Verlag Galaxia den ersten Band der „definitiven Biographie“ Rosalías mit dem Titel Rosalía de Castro. Cantos de independencia e liberdade (1837-1863) – Rosalía de Castro Lieder der Freiheit und Unabhängigkeit (1837-1863) veröffentlicht. Lama zeichnet das Bild einer freien und unabhängigen Frau im 19. Jahrhundert. Die Arbeit zeichnet sich durch minutiöse Quellenforschung zu Rosalía de Castros Biographie aus, denn sie erschließt uns viele, bisher völlig unbekannte Schriften und Dokumente aus Archiven und Privatbesitz.
Rosalía de Castro gilt als die größte Schriftstellerin der galicischen Literatur. Bisher existierte keine umfangreiche Biographie von so hervorragender Qualität. María Xesús Lama schließt mit ihrer neuesten Veröffentlichung dieses biographische Desiderat. Das Werk erscheint innerhalb der Reihe der großen Biographien des in Vigo ansässigen Verlagshauses Galaxia. Der erste Band umfasst die Herkunft Rosalías und endet mit der Veröffentlichung der Cantares Gallegos (dt. Galicische Lieder) im Jahre 1863.
Es handelt sich hier um eine Arbeit, die sich durch eine extensive, mehrjährige Forschung auszeichnet. Besonders hervorzuheben ist dabei, dass die Abhandlung nicht nur durch Materialreichtum glänzt, sondern dass auch viele unbekannte Archivale erstmals der Rosalía de Castro-Forschung zugänglich gemacht werden. Bisher ist es keinem Forscher gelungen, eine akademische Glanzleitung von dieser Größenordnung zu schaffen. Es sei in diesem Zusammenhang auch daran erinnert wie schwierig es ist, verlässliche Quellen oder Dokumente zu konsultieren, da viele wichtige Schriften verschollen oder unwiederbringlich zerstört worden sind. So soll Rosalía de Castro selbst auf ihrem Sterbebett angeordnet haben, dass ihre Töchter sämtliche unveröffentlichten Handschriften verbrennen. Anders als Max Brod, der sich der Anordnung Franz Kafkas widersetzte und so einen Schriftsteller erster Güte für die Weltliteratur rettete, gehorchten die Töchter ihrer Mutter. Manuel Murguía, der Ehemann, soll auf diesen Vorfall mit den Worten geantwortet haben: „Ihr habt ihren Ruhm verbrannt“, womit er aller Wahrscheinlichkeit nach Recht hat. Aber auch Manuel Murguía selbst muss sich vorwerfen lassen, Spuren aus Rosalías Leben vernichtet zu haben, denn er hat fast die gesamte Briefkorrespondenz Rosalías dem Feuer überantwortet. Der Verlust, den diese Tat für die Forschungsarbeit zu Rosalías Leben und Werk gebracht hat, ist unermesslich.
Diese beiden literaturhistorisch bedeutsamen Ereignisse verdeutlichen, wie schwierig es ist, Quellen aus erster Hand zu studieren und biographische Daten der Autorin zu finden oder zu verifizieren.

Lamas Studien arbeiten bisher durch die Rezeption verschüttete Aspekte zu Rosalías Leben und Schreiben heraus, so dass ein anderes als das bisher durch die Rosalía-Forschung tradierte und zementierte Bild dieser großartigen Schriftstellerin entsteht. So kann Lama anhand der Quellen überzeugend erläutern, dass Rosalía nicht den durch Schwermut und Melancholie gekennzeichneten Charakter besaß. Sie kann belegen, dass das Stereotyp einer traumatisierten Kindheit durch die uneheliche Geburt als Tochter eines Priesterseminaristen nicht zu halten ist. Die Theorie einer melancholischen Frau, die an dem Trauma ihrer väterlich-klerikalen Herkunft leidet, wird überzeugend dekonstruiert. Rosalía lebte als Adlige in ihrer Jugend gemeinsam mit ihrer Mutter ein urbanes und intellektuelles Leben, das weitgehend frei von finanziellen Nöten war.
Auch die Vermittlerrolle des späteren Ehemanns Manuel Murguía stellt Lama in ihrer Biographie infrage, indem sie die Gründe für Rosalías Madrid-Aufenthalt erforscht und so ein facettenreiches Porträt der Autorin entwirft, das die überkommenen Gemeinplätze und Simplifizierungen in einem völlig neuen Licht erscheinen lässt.

So kann uns Lama eine andere Rosalía zeigen: ein neugieriges Kind, das auf den Feldern und Wiesen um den Landsitz der Castros herum spielt; ein unruhiges Mädchen, das davon träumt, Künstlerin, ja Schriftstellerin zu werden; eine kühne Jugendliche, die alles daran setzt, ein unabhängiges Leben zu führen; eine fieberhafte Leserin, die sich für die revolutionären Ideen ihrer Zeit begeistert; eine Schriftstellerin, die sich ihres Talentes bewusst und bereit dazu ist, sich der Öffentlichkeit zu stellen. So konnte Rosalía bisher in keiner wissenschaftlichen Biografie dargestellt werden, da sich doch die allermeisten Autoren lediglich auf vorangegangene Darstellungen beziehen und sich nicht die Mühe gemacht haben, die vielen Archive zu durchforsten und privaten Bibliotheken zu konsultieren, um ein realitätsgetreues Bild unserer Autorin zu zeichnen.
María Xesús Lama (Lugo, 1964) ist Dozenten für galicische Literatur an der Universität zu Barcelona und Editorin der wichtigen Ausgabe der Galicischen Lieder aus dem Jahr 1995. Sie studierte galicisch-portugiesische und spanische Philologie an der Universität Santiago de Compostela, war anschließend als Lektorin für galicische Literatur in Trier tätig und promovierte 2002 an der Universität Barcelona, wo sie heute lehrt.

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