Die Etymologien Isidors von Sevilla

Isidor de Sevilla (um 560-636), „dessen Enzyklopädie dem ganzen Mittelalter als Grundbuch gedient hat“ (Curtius, 1948/1993: 33) könnte im patriarchalen Sprachgebrauch als Vater des philosophischen Denkens des Mittelalters bezeichnet werden. Sein Hauptwerk, die 20 Bücher Etymologiarum sive originum libri XX sollte nicht nur im spanischen Mittelalter zum Standardwerk für das Bildungswesen avancieren. Es versammelte quasi das gesamte Basiswissen des mittelalterlichen Intellektuellen auf der Basis katholischen Christentums. Isidor rettet das Bildungssystem der klassischen Antike in Form des Lehrsystems der septem artes liberales (»sieben freien Künste«) in das Mittelalter hinüber, wenn auch in verkürzter Form. Das Trivium behandelt er in Liber I und Liber II (I. DE GRAMMATICA. II. DE RHETORICA ET DIALECTICA.) Das Quadrivium handelt er recht verkürzt in Liber III ab (DE MATHEMATICA, dort auch: De differentia Arithmeticae, Geometriae et Musicae).

Die lateinischsprachige Literatur hat auf der Pyrenäenhalbinsel eine lange Tradition (Seneca d. Ä., um 55 v.C. – 37 n.C.; dessen Sohn, Seneca d.J., um 4 v.C. – 65 n.C.; Lucanus, 39-65; Martialis, um 40 – um 104; Quintillianus, um 35 – 100 u.a.).  Sie bildete einen „integralen Bestandteil der Bildung“ der frühen lateinisch- und volkssprachlichen Schriftsteller und Kleriker. Hier deuten sich einige Dichotomien des Mittelalters an: Latein vs. Vulgärsprache (Glossen von San Millán oder Silos), Klerus / „mester de clerecía“ vs. Laien / „mester de juglaría“.

Mechanismen der Selektion und der Kondensierung von Wissen über Religion könnten dahingehend analysiert werden, wie Isidor pagane Religiosität und Patristik in seiner Etymologie verschmilzt, und ob von seinem Werk als Brücke zwischen heidnischer Antike und christlichem Mittelalter gesprochen werden kann. Methodisch geht Isidor von den historischen Erklärungen der aufgenommenen Wörter aus »Etymologien« und verbindet das „Denken der paganen Religiosität der römischen Antike mit dem der Patristik“ (Tietz, 2001:3). In der Konzeption seiner Etymologien nimmt sich Isidor wieder die klassisch-antike Enzyklopädie (Kompendium) zum Vorbild und überwindet somit Flavius Cassiodorus (um 490 – ca. 585) Institutiones divinarum et saecularium rerum, (um 551/562). Von den Kirchenväter bezieht er sich dabei besonders auf Schriften und Lehren von Tertullian (*um 150 in Karthago; † zwischen 223 und 225 in Karthago), Lactanz (* um 250; † um 320), Ambrosius (* um 340 [?] in Deutschland; † 397 in Italien), Hieronymus (* um 347 in Kroatien; † 420 [419?] in Palästina), Augustinus (* 354 in Algerien † 430 in Algerien) und Gregor dem Großen (* um 540 in Rom, † 604 ebenda).

Isidors Methode kann somit auch auf die deutlichen Auswirkungen auf spätantike pagane Religiosität hin unter der Fragestellung gelesen werden, in wie weit seine Etymologien eine Art »Realenzyklopädie« darstellen, die das im zerfallenden Westgotenreich bekannte Wissen der klassischen Antike zu erfassen versucht (nach M. C. Díaz y Díaz benutzte Isidor hauptsächlich nordafrikanische Autoren und Anthologien antiker Schriftsteller) und entschieden christianisiert . Die christologische Perspektive der Etymologien verdeutlichen, dass die von Isidors Bruder Leander angestrebte Durchsetzung des Katholizismus gegenüber dem Arianismus auf Ebene der westgotischen Führungselite endgültig ihren Abschluss gefunden hat (Et. VII, IV: Trinitas).

Um Isidors Etymologien in übergeordnete Bildungskonzepte einzubetten und das Zusammenleben und gegenseitige geistige Befruchtung der zwischen Christentum und Islam zu diskutieren, lohnt sich ein Blick in das Buch Die Klassen der Ärzte und Weisen des andalusischen Arztes und Historikers Ibn Ğulğul oder Juljul (gest. nach 994) an.

Isidor vermittelt in seiner Etymologie eine kurze christliche Weltgeschichte in sechs Weltaltern (analog zu den sechs Menschenaltern), die das Weltenende antizipiert. Welche Bedeutung für die Konstruktion und Tradierung von alternativen Weltbildern im Mittelalter diese historische Konzeption hat, lässt sich an verschiedenen Werken zeigen, die hagiographische Züge aufweisen: Das Poema de Fernán Gonzáles (‘Aufstieg Kastiliens zur Vormacht im christlichen Spanien als gottgewolltes und von Gott gelenktes Schicksal’), der Libro de Alexandre (Alexanderdichtung, welche das Leben Alexander des Großen als Beispiel unchristlichen Hochmuts anprangert und die Abkehr vom Weltlichen predigt) der Libro de Apolonio, 1250 (moralisierende Familiengeschichte, die böse Taten bestraft, gute belohnt, Vorlage: Libro Apollonii regis Tyri).

Isidor ist ständig bestrebt, eine Verbindung von Glauben und Wissen herzustellen. Einerseits stellt er in seinen Schriften die geistige Tradition zur paganen Religiosität der Spätantike her,  andererseits bildet sein Schreiben einen Neuanfang und legt den Grundstein für das geistige Denken einer Epoche, die wir später als Mittelalter bezeichnen werden. Der Idealtypus des mittelalterlichen Menschen war der christliche Ritter.  Die Annahme liegt nah, dass hier auch eine Tradierung des homerischen Heldenideals ins Mittelalter stattfindet, dem Isidor das Konzept der sapientia et fortitudo (Et. I 39,9) zuschreibt. Die Untersuchung von Texten wie das frühestens um 1150 entstandene Cid-Epos an oder der Cantar de los siete Infantes de Lara (basierend auf volkssprachlichen Chroniken) könnten hier aufschlussreiche Erkenntnisse bringen. Stellt die Epik des christlichen Nordens tatsächlich eine Auseinandersetzung des christlichen mit dem arabischen Spanien ins Zentrum des vermittelten Weltbildes? Die Frage nach den Ursprüngen des Reconquista-Gedankens (Verlust des christlich geprägten Westgotenreiches als Vorläufer eines Spaniens, das wiedervereinigt werden sollte) können an Texten Gonzalo de Berceos nachvollzohen werden. Berceo betreibt eine Christianisierung des Denkens, die als »geistige Reconquista« bezeichnet werden kann. In seinen Hagiographien (Vida de San Millán, 1230, Vida de Santo Domingo de Silos, 1236 Vida de Santa Oria virgen) Fordern Berceos Heiligenviten die Glaubensgewissheit, welche Isidor in Liber VIII, DE ECCLESIA ET SECTIS verlangt.

Ferdinand III., der Heilige (*1199; †1252 ) tat sich als sowohl als Krieger als auch als Kulturförderer hervor. Er versuchte für das Wissen seiner Zeit wieder eine rein christliche Tradition herzustellen und knüpfte deshalb bewusst an das christliche Denken der Westgoten aus der Zeit vor der Eroberung durch die Araber an. Deshalb ließ er programmatisch die Etymologiae des Isidor von Sevilla ins Kastilische übersetzen. Diesen Ansatz der Rechristianisierung des spanischen Denkens trieb Ferdinands Sohn Alfons X., der Weise »el sabio« (*1221; † 1284 ) mit seiner sogenannten Übersetzerschule von Toledo voran, in der volkssprachige, also kastilische Übersetzungsprosa philosophischer und naturwissenschaftlicher Werke aus dem Arabischen und Hebräischen entstanden.

Die intensive Rezeption arabischer und hebräischer Wissenschaft scheint in Widerspruch zur Rechristianisierung als Rückbesinnung und Neuorientierung des Kastilischen Reiches auf die Staatlichkeit der westgotischen Herrschaft zu stehen. Westgotische Traditionen wurden über die Iberia auch im übrigen Europa verbreitet. Dass die literarische Nachwirkung der Etymologie (und anderer) Werke Isidor von Sevilla während der karolingischen Renovatio im 8. und 9. Jahrhundert einen ersten Höhepunkt zeigen, ist bekannt, aber sie haben dort anscheinend doch nicht eine ganz so große Wirkmacht wie im Ursprungsland erreicht.

Isidor hat mit den Begriffen rex, gens und patria (Et. IX, III, Laus Spaniae, Historia Gothorum) ein Beispiel für den möglichen Identität stiftenden Zusammenhalt der ethnisch verschiedenen Bevölkerungsgruppen von Hispanoromanen und Goten gegeben, das einen Beitrag zu einer frühen „Nationen“-Bildung unter christlich-katholischer Führung geliefert hat (reyes católicos) und letztlich ein Sendungsbewusstsein christlichen Glaubens gefördert, womit sich die Eroberung und Missionierung Lateinamerikas ebenfalls begründen ließe.

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