Forschungsvorhaben

 auf dem Gebiet der Hispanistik

Thema:

Erinnerungskultur in Spanien zwischen 1995 und 2006 am Beispiel des Schriftstellers Manuel Rivas und des Guerra Civil (1936-1939)

Achtung:

Die Wiederverwertung des Konzepts ist nicht gestattet!

© Christian Switek, 2016

Für die in Deutschland sozialisierten Santiago-Pilgererer wird es wahrscheinlich äußerst befremdlich klingen zu hören, dass im heutigen Galicien „Nationalist“ zu sein bedeutet, sich der politischen Linken zugehörig zu fühlen, welche in der Partei des BNG (Bloque Nacionalista Galego) organisiert ist. „Ser nacionalista“ kann bedeuten, sich für eine politische Unabhängigkeit der „Galicischen Nation“ vom „Spanischen Staat“ einsetzen zu wollen. Deutliches Kennzeichen kann der Gebrauch der konstitutionell anerkannten Landessprache (galego) sein, welche allerdings bei Parlamentsdebatten parteiübergreifend Pflichtsprache ist. „Ser nacionalista“ kann mittlerweile auch wieder bedeuten, einer Seite der überwunden geglaubten „dos Españas enfrentadas“ Ausdruck verleihen zu wollen: Im Spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) führten die „dos bandos“ („los nacionales“ und „los republicanos“) einen grausamen Kampf der Ideologien. Den Nostalgikern der Franco-Diktatur, welche sich nicht mehr nur unter Anhängern der extremen Rechten finden, wollen die „nacionalistas“ so anscheinend Paroli bieten: „ser nacionalista“ heißt in diesem Kontext vielleicht auch „ser republicano“.

Die Zeit des Consenso scheint vorbei zu sein, seitdem seit einigen Jahren wieder verstärkt, vor allem von Nachkommen der republikanisch gesinnten Bürgerkriegsopfer, an die Gräueltaten des franquistischen Terrorregimes öffentlich erinnert wird. Symbolischen Ausdruck fand dieses Erinnern gegen Ende des Jahres 2000, als unter gewaltiger Medienaufmerksamkeit die Exhumierung der ersten Massengräber (der fosas comunes) stattfand, in denen über 40 Jahre lang Opfer des Franco-Terrors verscharrt und vergessen waren. Die damals regierende konservative Regierung hielt sich mit einer Stellungnahme zurück. Seitdem ist eine heftige kontroverse Debatte um die Arbeit der Asociación para la Recuperación de la Memoria Histórica (ARMH) entbrannt. In Bezug auf das Thema des Bürgerkrieges findet eine Emotionalisierung  und eine Ideologiesierung im öffentlichen Diskurs statt, der bis dahin doch weitgehend sachlich und auch differenziert geführt wurde.

Angefeuert wird der kontroverse öffentliche Diskurs durch Publikationen von Journalisten wie Pío Moa oder César Vidal, welche das Ansehen Francos und seine historische Leistung würdigen und den Diktator wieder salonfähig machen wollen. Hier ist ein Polarisierungsprozess zu beobachten, der den überwunden geglaubten Konflikt des „dos Españas enfrentadas“ wieder aufbrechen lässt.

In diesem Spannungsfeld hat sich Manuel Rivas seit 1995 mehrfach mit dem Thema des Spanischen Bürgerkriegs und der Repression auseinandergesetzt. Die wichtigsten Werke sind hierbei La lengua de las mariposas (1995) und El lápiz del carpintero (1998), beide Werke wurden verfilmt. Im bedeutsamen Gedenkjahr 2006 hat Rivas seinen bisher umfangreichsten Roman zur Bürgerkriegsthematik verfasst: Los libros arden mal.

Manuel Rivas publiziert als Galicier sowohl auf Galicisch als auch auf Spanisch. Als in erster Linie galicischer Autor wird er in literaturwissenschaftlichen Arbeiten, die sich mit Spanischer Literatur auseinandersetzen, paradoxer Weise mit entschuldigenden Erläuterungen zitiert, da Rivas als galicischer Schriftsteller eigentlich nicht zur Spanischen Literatur gehöre. Seit 2009 ist er Mitglied der Real Academia Galega (RAG), dem Pendant der Real Academia Española (RAE). Dem BNG scheint er nahe zu stehen.

Meist verfasst Rivas seine Erzählungen und Romane erst auf Galicisch und lässt sie dann ins Spanische übersetzen, wobei auch die spanischsprachigen Übersetzungen nicht immer werktreu sein sollen. Als auf Galicisch publizierender Autor müsste man annehmen, dass er Verfechter einer Ideologie der oben genannten „nacionalistas“ sei. Die diskursanalytische Untersuchung der ausgewählten Werke soll folgenden Fragestellungen nachgehen: Wo positioniert sich Manuel Rivas in seiner kulturellen Erinnerungsarbeit am Diskurs über den Bürgerkrieg: Ist er Polarisierer und Nationalist? Oder Aufklärer und Gewissen einer Gesellschaft, die das Bürgerkriegstrauma lange verdrängt und noch nicht verarbeitet hat? – Gibt es bei Rivas Differenzen in den journalistischen, filmischen und literarischen; galicisch- und spanischsprachigen Diskursen über den Bürgerkrieg?

Hintergrund: Die soziokulturelle Vergangenheitsbewältigung des traumatischen Erlebnisses des Spanischen Bürgerkrieges (1936-1939) bleibt für die spanische Gesellschaft ein in vielerlei Hinsicht schwieriges und ambivalentes Thema. So ließ der 1975 verstorbene Diktator Francisco Franco in seiner Monumentalgrabstätte des Valle de los Caídos sowohl Falangisten als „vencedores“ und auch, zu deren Leidwesen, Gefallene der unterlegenen republikanischen Seite, den „rojos“, den „vencidos“. Dass im Valle de los Caídos „nacionales“ und „republicanos“ gemeinsam ihre letzte Ruhe fanden, ist aber nur ein Scheinfrieden. Der Graben, welcher die „beiden“ Spanien der „dos bandos“ bist heute zu teilen scheint, ist tief. Zu schwer wiegen die Folgen des frankistischen Terrors: Dass die „paseos“, Inhaftierungen, Folter und Morde nicht nur politisch oder religiös motiviert waren, zeigt das Beispiel Federico García Lorca. Die Eliminierung anders denkender oder anders orientierter Menschen gehörte zum System des Franquismo. Obwohl die Grausamkeiten des Spanischen Bürgerkrieges nie vergessen wurden, wurden sie im öffentlichen Diskurs der Interpretation des herrschenden Diskurses unterworfen. Dies zeigen z.B. die Filme Sin novedad en el Alcázar (1940), Raza (1941, basierend auf einem Drehbuch Francos, das er unter dem Pseudonym Jaime de Andrade schrieb). Die Darstellung der Grausamkeit des Bürgerkrieges brachte dem Film La Fiel infantería (1959) Probleme mit der Zensur ein. Ana María Matutes Kurzgeschichte El hermoso amanecer (1967) ist vielleicht der Zensur entgangen, weil die Protagonistin des Textes auf der Seite der Republikaner zu kämpfen scheint, und so die Unmenschlichkeit der anderen Seite hervorgehoben wird. Die Grausamkeiten des Bürgerkrieges scheinen nie vergessen worden zu sein, aber sie wurden durch die frankistischtische Zensur anscheinend so gefiltert, dass das „Gut-Böse“ Schema zementiert worden ist. Die Analyse von ausgewählten Werken Rivas soll der Frage nachgehen, ob Rivas eine Versöhnung der „dos bandos“ sucht bzw. das Model „Gut-Böse“ einfach nur umdreht.

Vorläufer literarischer Erinnerung: Eine differenzierte soziokulturelle Auseinandersetzung mit den Folgen des Spanischen Bürgerkrieges konnte meines Erachtens erst nach Francos Tod, bzw. vielleicht sogar erst nach Abschluss der Transición erfolgen, und dies wohl auch nur recht zaghaft. Ramón J. Senders Réquiem por un campesino español ist zunächst in Mexico erschienen (1953, unter dem Titel Mosén Millán), daraufhin in den USA (1960) und bezeichnenderweise wird die spanische Erstausgabe erst in Francos Todesjahr, 1975, gedruckt. Die Querelen um die Finanzierung der Verfilmung zwischen der Generalitat de Catalunya und Madrid scheinen ein weiterer Hinweis auf die nicht verarbeitete Vergangenheit zu sein.

Historische Erinnerung: Galicien war eine der ersten Provinzen, die von Francos Truppen besetzt wurden. Das Vorgehen der Aufständischen, die „Säuberungsmaßnahmen“ und der sich daran anschließende Terror wird in erschütternder Weise von Carlos Fernández (El Alzamiento de 1936, 1982) oder von Luis Lamela (A Coruña, 1936. Memoría convulsa de una represión, 2002) beschrieben.

Archäologische Erinnerung: Im Dezember 2000 wird die Asociación para la Recuperación de la Memoria Histórica (ARMH) gegründet. Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, die Massengräber der von der Falange ermordeten Opfer des Terrorregimes zu lokalisieren, die Toten zu exhumieren und nach einem DNA-Abgleich, den Angehörigen bzw. Nachfahren die sterblichen Überreste zu übergeben. 1000sende von verschwunden und vermissten Angehörigen wird so wieder eine Identität und eine Stimme gegeben. Rivas erreicht dies mittels seiner Literatur.

Literarische Erinnerung bei Manuel Rivas: Das Erinnern an diese „Anderen“, vom Frankoregime verunglimpften oder zum Schweigen verurteilten Identitäten fand in der 1995 in der Erzählungssammlung ¿Qué me quieres amor? veröffentlichen Kurzgeschichte La lengua de las mariposas vielleicht zum ersten Mal in der spanischen Nachkriegsgeschichte eine größere Aufmerksamkeit als die 20 Jahre vorher veröffentlichte Novelle Ramón J. Senders Réquiem por un campesino español. Für den Erzählungsband ¿Qué me quieres amor? erhielt Rivas den Premio Torrente Ballester (1995) und den Premio Nacional de Narrativa (1996). Er scheint mit dem Wiederaufgreifen des Themas jetzt den Puls der Zeit getroffen zu haben. Sender scheint dies 1975 nicht vergönnt gewesen zu sein. 1999 verfilmte José Luis Cuerda drei der Erzählungen aus dem Band ¿Qué me quieres amor? unter dem Titel und dem Thema der Hauptgeschichte in eindringlichen Bildern: Der Film La lengua de las mariposas wurde ein Erfolg. Manuel Rivas und seine Themen rückten immer mehr ins öffentliche Interesse. Vom Literaturagenten Andrew Wylie erfährt man in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 18.10.2000, dass er großes Interesse daran hat, das Werk Manuel Rivas in den USA zu verbreiten. Der Erfolg von La lengua de las mariposas bewegt Rivas dazu, das Thema des Bürgerkriegs ausführlicher zu behandeln. El lápiz del carpintero erscheint 1998 und wird 2002 verfilmt. Erzählerfigur ist der Gurdia Civil Herbal, dessen Geschichte eng mit der des republikanischen Arztes Daniel da Braca verbunden ist. Gelingt Rivas hier, was unter Franco und der Nach-Franco-Zeit kaum möglich war: Eine Versöhnung von „vencedores“ und „vencidos“?

Wirkung in Deutschland: Im gleichen Jahr wird El lápiz del carpintero (1998) auf deutsch veröffentlicht und in den Feuilletons ausgiebig besprochen. Hellmuth Karasek lässt diesen kurzen Roman in der 65. Ausgabe des Literarischen Quartetts mit den Worten „Bürgerkriegskitsch“ durchfallen. Hans-Jörg Neuschäfer bezeichnet den Roman als „rührselige… Episode aus dem Bürgerkrieg“ (SLG:409). Diese Werturteile sind stark subjektiv und pauschalisierend. Hier stellt sich die Frage, welche Kriterien für literarische Qualität angeführt werden können, zumal die deutsche Übersetzung von Elke Wehr nicht immer überzeugt.

Bisheriges Hauptwerk: Das Thema der “dos bandos”, der “vencedores” und der “vencidos” nimmt Rivas explizit in seinem bisher wohl umfangreichste Roman Los libros arden mal (2006) auf. Dieses Werk sollte im Zentrum der Analyse stehen, um Rivas Arbeit an der Erinnerungskultur in Spanien unter besonderer Berücksichtung der Sonderstellung Galiciens aufzuzeigen. Die Verbindung von Literatur und Leben, bzw. Realhistorie gelingt Rivas mittels Literarisierung historischer Persönlichkeiten wie García Lorca, Santiago Casares Quiroga, Francisco Franco und natürlich Manuel Fraga, dem er schon 1999 den Essay-Band Galicia, Galicia gewidmet hat.

Wirkung in Spanien: Darüber hinaus könnte der Frage nachgegangen werden, in wie weit Rivas als einer der wichtigsten Initiatoren einer möglichen „Boom-Literatur“ über den Spanischen Bürgerkrieg gelten kann. Eine Leitfrage wird dabei sein, welche Bedeutung die Zweisprachigkeit seiner Werke hat: Fast alle größeren Texte Rivas werden mittlerweile nahezu zeitgleich auf Spanisch und Galicisch veröffentlicht. Hier liegt die Vermutung nach, dass es um rein ökonomische Aspekte der Literaturvermarktung geht.

© Christian Switek, 2016
Die Wiederverwertung des Konzepts ist nicht gestattet!

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