Azorín und Rosalía de Castro

Jeder Universitätsdozent und jeder Gymnasiallehrer bringt seinen Studenten und Schülern bei, dass der Name eines Autoren, der auf dem Buchtitel eines literarischen Werkes prangt, nicht mit dem lyrischen Ich oder der Erzählerfigur eines literarischen Textes gleichzusetzen ist. In der schreibenden Zunft scheinen dies viele vergessen oder vielleicht doch nicht gelernt zu haben. Diesem Postulat haben viele Schreiber, die sich den Texten Rosalía de Castros widmen, anscheinend nicht besonders große Aufmerksamkeit geschenkt. Es fällt schwer, sich eine andere Erklärung dafür zurecht zu legen, dass gerade in den Texten von Rosalía de Castro seit vielen Jahren die Stimme des lyrische Ichs der Gedichte oder die der Erzählerfigur in ihren Prosatexten immer wieder so willkürlich mit der Stimme der Autorin gleichgesetzt worden ist, was zur Folge hatte, dass Rosalía ein schwermütiger, melancholischer, ja sogar depressiver Charakter angedichtet wurde. Für bestimmte Gedichte Rosalía de Castros mag die Melancholie und Traurigkeit oder die typisch galicische morriña ein bestimmendes Thema sein. Aber muss Rosalía deshalb auch eine schwermütige Persönlichkeit gewesen sein? María Xesús Lama hat in ihrer neuesten Biographie zu Rosalia de Castro überzeugend aufgezeigt, dass zum Beispiel die tatsächlich vorhandene Melancholie in den Texten Rosalías nicht viel bis tatsächlich gar nichts mit der wirklichen Person und Schriftstellerin Rosalía de Castro zu tun hat.

Wie aber konnte es dazu kommen, dass die literarische Rezeption seit Jahren die in den Gedichten vorhandene saudade ein ums andere Mal bedenkenlos auf die Person und den Charakter der Schriftstellerin projiziert worden ist? Hier kann es hilfreich sein, literarische Autoritäten erneut zu lesen, die das Bild Rosalía de Castros im 20. Jahrhundert prägten.

Unter den bekannten Schriftstellern der sogenannten Generation von 98 wird immer wieder José Augusto Trinidad Martínez Ruiz (1873-1967), welcher sich 1904 den Künstlernamen Azorín zulegt, als einer der Autoren mit Symbolcharakter genannt, der Rosalía de Castro vor dem Vergessen der spanischen Literaturgeschichte bewahrt haben soll. Azorín besaß Symbolcharakter innerhalb des Legitimationssystems seiner Zeit, denn er war nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Literaturkritiker und Politiker tätig. Wirft man einen Blick in die umfangreiche biographische Dokumentation und kritische Bibliografie der Autoren Aurora López und Andrés Pociña, fällt es dem aufmerksamen Leser schwer zu glauben, dass Rosalía de Castro tatsächlich jemals von den Lesern und Bewunderern vergessen worden sei. Und Azorín selbst schreibt 1914 nicht das erste Mal über Rosalía. Es hat den Anschein, dass die literarische Rezeptionsgeschichte Rosalía de Castros tatsächlich noch mehr blinde Flecken aufweist als die, welche durch die neueste Rosalía de Castro-Biographie Lamas aufgezeigt worden sind.

Im Jahre 1929 erscheint in Azoríns Essaysammlung Leyendo a los poetas (dt. Beim Lesen der Dichter) der ein Artikel, der sich Rosalía de Castro widmet. Er ist auf den 8. Januar 1914 datiert, ein halbes Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Allein, für Jahr 1914 verzeichnen López und Pociña mehr als die eine Veröffentlichung zu Rosalía de Castro. Es handelt sich dabei allerdings um weit weniger bekannte Autoren wie José R. Carracido, Carolina Michaëlis de Vasconcellos, Emilio Villega y Rodriguez, Joaquín de Arevalo und anderen, die im allgemeinen in der Rezeptionsgeschichte kaum gewürdigt werden, da sie nicht die gleiche Reputation oder ein ähnliches Prestige genießen und eben nicht diesen Symbolcharakter besitzen wie unser levantinischer Schriftsteller, der von der Melancholie in den Texten unserer Galicierin so begeistert ist und der Rosalía de Castro schon vor 1914 gehuldigt hat und ihr auch nach 1914 weitere Artikel widmen wird. Dass Rosalía de Castro wohl kaum einem von Azorín befürchteten Vergessen des kulturellen Gedächtnisses Galiciens befürchten musste, belegt auch der Künstlerwettbewerb und die sich daran anschließende Errichtung des Rosalía de Castro-Denkmals in Santiago de Compostela, Ereignisse, die ebenfalls in das Jahr 1914 fallen und nicht von wenig Polemik begleitet gewesn waren. Der Diskurs über das Rosalía-Denkmal in Santiago kann in der Gaceta Gallega nachvollzogen werden, die in ihrer November-Ausgabe 1914 Rosalía eine große Hommage widmet.

In Azoríns Aufsatz zu Rosalía de Castro finden wir also schon beide Aspekte, die in der Folge jahrzehntelang durch die Literaturgeschichte geistern sollen: das Bild einer schwermütigen, melancholischen, ja depressiven Rosalía de Castro und die Behauptung, dass Rosalía de Castro eine zu unrecht vergessene Schriftstellerin sei. Man möchte sich dem Eindruck erwehren, dass Azorín hier Eigenwerbung für seine Essaysammlung machen möchte, indem er sich einer bekannten Koryphäe der galicischen Literaturgeschichte bedient. Azorín war ja kein unbekannter. Rezipienten, die etwas auf sich hielten, konnten die Autorität Azorín bedenkenlos zitierten und so von der Akzeptanz der gültigen Meinung profitieren. Sie mussten nicht befürchten, vom literarischen Diskurs ausgeschlossen zu werden, als wenn sie eine Meinung vom geringerem Symbolcharakter zitierten.

Azorín ist aber kein Literaturwissenschaftler, sondern in erster Linie ein Schriftsteller. Deshalb ist es für ihn auch völlig legitim, über ein bekanntes Porträt Rosalías frei über ihren Charakter zu assoziieren. Sinngemäß sagt er zu dem uns allen bekannten Foto Luis Selliers: „Wenn wir, die wir sie nicht gekannt haben, heute das Porträt Rosalías betrachten, stellen wir uns eine empfindungsfähige und melancholische Frau vor. Der Dichter (sic) hat sehr expressive Augen; ihr Mund ist groß; einige Locken fallen in die Stirn, und in ihrem Gestus, in der Haltung ihres Kopfes, in ihrem Blick, in ihren Mundwinkeln weht der Geist der Resignation, der Traurigkeit, der unbefriedigten Sehnsucht“ (S. 176).
Auch die Schlussfolgerung, die Azorín zu seinem Kommentar Rosalías Gedicht mit dem Titel Margarita aus dem Gedichtband An den Ufern des Sar zieht, ist durchaus nicht von literaturwissenschaftlicher, sonder viel mehr von literarischer Handwerkskunst gekennzeichnet: „Rosalia, du bist nicht gestorben; dein Bild lebt in dem Herzen jener weiter, die deine reine lyrische Zärtlichkeit lieben und die amtliche Prunksucht und die ungerechten Unbilligkeit verabscheuen, welche dazu führen, dass die guten Menschen die Heimat verlassen. Rosalía: in deinem Haus der Güte und der Traurigkeit liest man, so wie du es in einem deiner Gedichte gesagt hast, eine unruhige Besorgnis, die geheimen Zärtlichkeiten…”
Diese wenigen Zeilen aus Azoríns 1914 publizierten Artikel über Rosalía de Castro, scheinen zu belegen, dass in der Folge tatsächlich gern das Bild der literarischen Autorität Azoríns tradiert worden ist.

Eine Frage, die bisher wenig beantwortet ist, ist die, warum sich also Azorín so sehr für die melancholischen Gedichte Rosalias begeistern konnte. Es ist wohl nicht von der Hand zu weisen, dass auch im Spanien des Jahres 1914, trotz aller wirtschaftlichen Prosperität, die durch den bevorstehenden Ausbruch des Ersten Weltkriegs ihren Anfang nahm, ein Bewusstsein dafür vorherrschte, in einer Krisenzeit zu leben. Spaniens imperialistisches Abenteuer in Marokko zeigte nicht den gewünschten Erfolg einer Kompensation für den Verlust der letzten überseeischen Kolonien. Seit spätestens Anfang Juli 1909 war das spanische Militär in bewaffnete Konflikte mit den Riffkabylen verwickelt als deren Tiefpunkt das verlorene Gefecht der Spanier im Barranco del Lobo bei Melilla gilt, wo die spanischen Truppen gegen die Berber eine katastrophale Niederlage erlitten. Die Sinnlosigkeit des Krieges und die soziale Ungerechtigkeit bei den Truppenaushebungen für den Marokko-Feldzug führte in Barcelona zur Tragischen Woche (Semana Trágica), bei der es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen dem von der Regierung eingesetzten Militäreinheiten und den Antikriegsdemonstranten kam. Dieser Aufstand gegen den Krieg konnte von der Regierung zwar noch niedergeschlagen werden, dennoch kam es in der Folge der Unruhen schließlich 1917 zum Sturz der Maura-Regierung und der spanische Staat rutschte bis 1923 in eine Dauerkrise.

Azorín hat in Rosalías Gedichten vielleicht den Ausdruck entdeckt, der dem Weltschmerz und der Resignation jener Krisenjahre entspricht. Rosalías Dichtung sprach Azorín aus der Seele. Und das, was Azorín in der Lyrik unserer Autorin fand, hat er auch in der Landschaft gefunden, denn er äußert sich in Zukunft immer sehr wohlwollend über Galicien.

1917 veröffentlichte Azorín seine Essaysammlung Wie die Spanier die Landschaft Spaniens sehen (sp. El paisaje de España visto por los españoles). Diese Skizzen über die verschiedenen Regionen Spaniens, welche der in Provinz Alicante geborene Schriftsteller unermüdlich bereist hat, sind durchdrungen vom Geist des Francisco Giner de los Ríos, dem Begründer der undogmatischen, liberalen und vom Geist des Krausismus durchdrungenen Institución Libre de Enseñanza (dt. Institution der freien Lehre). Er zeichnet uns ein Bild der spanischen Landschaften, das mit seiner Idee des nationalen Kontinuums übereinstimmt und ihn als einen Autoren der sogenannten Generation von 98 auszeichnet. Das Kapitel zu Galicien umfasst mehr als zehn Seiten (Seite 69-82) und beginnt mit der Huldigung Rosalía de Castros: „Galicien und Rosalía de Castro. Wenn wir die Feder aufs Papier setzen, um das Wort Galicien zu schreiben, wurde sie sogleich von unserem Geist evoziert, mit lebendiger tiefer Empfindung, die Figur der Rosalía de Castro. Sie fügt unserer Vorstellung von der Landschaft, den Wege und Städten ein rein subjektives Element hinzu. Welche Vorstellung von Galicien prägt den Autor dieser Zeilen? Wie fühlt er Galicien?“ Diese Gedanken gehen Azorín auf seiner zu Zugfahrt von Guipúzcoa nach La Coruña durch den Kopf. Um jenes Land zu interpretieren, greift der Autor zwar auch auf Emilio Pardo Bazán und Valle-Inclán zurück. Doch an erster Stelle steht für ihn Rosalía de Castro. Azorín wiederholt seinen Vorwurf aus dem Jahr 1914 und, wie wir noch sehen werden aus den Jahren 1912 und 1913, gegenüber dem Unverständnis der modernen spanischen Kritik in Bezug auf eine der schönsten, stärksten und ursprünglichsten Dichtern, die Spanien je hervorgebracht hat. Rosalía würde von einer undurchdringlichen Stille umgeben:

„In der Lyrik Rosalias gibt es einen tiefen Sinn für die Landschaft Galiciens. Nur wenige Schriftsteller spiegeln mit so großer Treue ein bestimmtes Milieu. Rosalía, feinsinnig, einfühlsam und schmerzensreich, hat die Elemente der Ungewissheit, der Melancholie, des Mysteriums, des unbestimmten Sinns für den Tod in die Kunst gebracht, die später eine so ausgezeichnete Entwicklung im Werk des Valle-Inclán erreichen wird. Diese Hinweise sollen hier reichen. Unser Ziel ist es, jetzt ein Beispiel zu geben wie Rosalía de Castro die Landschaft ihrer Heimat gefühlt hat. Und wir wiederholen die Empfehlung, das ganze poetische Werk Rosalías zu lesen, um ihre Landschaften jedes Mal zu genießen, wenn diese durch ihre Verse schimmern.“

Azorín zitiert dann zwei bekannte Stellen aus dem Prolog der Galicischen Lieder, eine über die südspanische Landschaft im allgemeinen, die also er nicht ganz gerecht findet, die andere über die besondere Schönheit der galicischen Landschaft, welcher Azorín voll und ganz zustimmen kann.

Die erste Beschäftigung Azoríns mit Rosalia Castro fällt bereits in das Jahr 1912. In einer Rezension mit dem Titel Kastilische Lyriker (dt. Liricos Castellanos) zu dem damals gerade erschienenen Buch von Juan Ramón Jiménez, Magische und schmerzvolle Gedichte (sp. Poemas mágicos y dolientes), die er in der Zeitung La Voz de Galicia am 25. Mai 1912 veröffentlicht haben soll, klagt er über die widerspenstigen Kräfte, die sich gegen die Bewegung einer Erneuerung der spanischsprachigen Lyrik stellen. Als Paradebeispiel nennt er die Feindseligkeit und das Unverständnis gegenüber Rosalía de Castros Gedichtband An den Ufern des Sar. Er hebt hervor, dass die Verwunderung leicht zu Entrüstung werde, wenn man an dieses außergewöhnliche, vorzügliche, wundervolle Buch denke:

„Es blieb in Spanien völlig unbeachtet und als es Jahre später, beachtet wurde wird seine Autorin, Rosalía de Castro, immer noch nicht als das betrachtet, was sie tatsächlich ist: als einer der größten Dichter unseres Vaterlandes. Gab es im Jahr 1884 niemanden fragt man sich verwundert, der dieses Buch lesen konnte?“

Azorín weist auf den großen Verdienst Rosalías hin, „die erste in Spanien gewesen zu sein, die mit den gebräuchlichen metrischen Formen ihrer Zeit“ gebrochen habe. Er betrachtet sie schließlich als größte Lyrikerin der Mitte des 19. Jahrhunderts und als solche als Vorläuferin der vorzüglichen zeitgenössischen Dichter. Hier schließt sich der Kreis der Legitimitätssphäre mit Anspruch auf universale Anerkennung. Azorín ist legitimiert über den Wert von Literatur zu urteilen. Er moniert die geringe Anerkennung der zeitgenössischen Kritik auf die modernen literarischen Strömungen, zu der er selbst gehört und verweist dabei auf Rosalía de Castro, die ebenso wenig den verdienten Ruhm und die Anerkennung erhalten hätte, welche der modernen spanischen Dichtung Anfang des 20. Jahrhunderts ebenfalls versagt blieb. In seinem Buch Clásicos y Castellanos (dt. Klassiker und Kastilier) klagt er 1913 erneut über die mangelnde Resonanz der Literaturkritik, einer konkurrierenden Legitimationsinstanz mit bloßen Anspruch auf Legitimität, auf die Publikation von An den Ufern des Sar. Dieser Vorwurf wurde von einer weiteren Legitimationsinstanz, dem Boletín de la Real Academia Gallega im gleichen Jahr bereitwillig aufgenommen. Sie dankt Azorín für sein Engagement und und druckt Azorín zu Ehren den Artikel über Rosalia aus Klassiker und Kastilier in der Ausgabe vom 1. September 1913 nochmals ab. Hier finden wir einen deutlichen Hinweis darauf, wie sich das Bild der traurigen, melancholischen Rosalía, welches Azorín in Variationen immer wieder wiederholte, langsam verselbstständigen konnte und, wiederum als unumstößliche Tatsache, in den Diskurs von Universität und Akademien gelangte. Rosalías Texte sind in der Folge mit immer wieder mit den so produzierten Vorurteilen konfrontiert worden und wurden aus der Perspektive dieses Vorwissen interpretiert. Darüber hinaus wurde sie als Autorin mit den lyrischen Ichs ihrer melancholischen Dichtungen gleichgesetzt. Wie langlebig ein so über Jahrzehnte hinweg immer wieder reproduziertes Bild ist und wie schwierig es ist, dieses zu dekonstruieren, zeigt die bereits erwähnte Biografie von M. X. Lamas.

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