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Notizen zur deutschsprachigen Rezeption Rosalía de Castros in Deutschland

Zusammen mit Autoren wie Miguel de Cervantes oder Federico García Lorca zählt die in ganz Spanien bekannte und viel gelesene klassische Dichterin Rosalía de Castro zu den wichtigsten Autoren der spanischen Literatur. Auch im deutschsprachigen Raum gibt es eine lange Rezeptionsgeschichte wie der Blick in verschiedene ältere und neuere lexikalische Standardwerke zur romanischen, allgemeinen oder auch Welt-Literatur zeigt. In der Fachliteratur hat unsere Autorin immer wieder Beachtung gefunden.

Die Bewertung der Galicierin hat sich aber innerhalb der Diskussion im 20. Jahrhundert verschoben. Bei der chronologischen Lektüre der Lexikaeinträge wird deutlich, dass sich das heutige Bild der Schriftstellerin erst allmählich herausgebildet hat.

In den Jahren 1923, 1933 und 1936 ist das von Hanns Heiss, Friedrich Schürr, Hans Jeschke, Kurt Jäckel, und später auch von Walther von Wartburg 1.) herausgegebene Handbuch der Literaturwissenschaft: Romanische Literaturen des XIX.-XX. Jahrhunderts I. (COPYRIGHT 1923 BY AKADEMISCHE VERLAGSGESELLSCHAFT ATHENAION M.B. H. BERLIN-NEU BABELSBER SPAMERSCHE BUCHDRUCKEREI IN LEIPZIG – MADE IN GERMANY) eine erste Quelle, die Aufschluss über die Aufnahme Rosalía der Castros Dichtung im deutschen Sprachraum gibt.

In der Ausgabe von 1923 finden wir den Artikel zu unserer Autorin auf den Seiten 360-362. Dort heißt es:

Von Bécquer, dem größten spanischen Lyriker des 19. Jahrhunderts, um dessen liebenswürdige Persönlichkeit der ganze Glanz und Schimmer des genialen romantischen Dichters webt, nehmen wir damit Abschied und wenden uns dem lyrischen Schaffen seiner bedeutenden, ihm geistesverwandten Zeitgenossin Rosalía de Castro zu, mit deren Würdigung wir die Betrachtung der romantischen Bewegung in Spanien abzuschließen gedenken.“

Schon in diesem frühen deutschsprachigen Beitrag über Rosalía de Castro finden wir Hinweise auf die Biographie unserer Autorin, welche wiederum auf ihre Dichtung bezogen werden. Dieses Vorgehen wird in späterer Rezeption häufig wiederholt und ein Zusammenhang von Dichtung und Leben sehr deutlich unterstrichen, so dass manchmal der Eindruck, Rosalías Lyrik sei kaum mehr als eine Abfolge biographischer Notizen. Der Einfluss der Biographie auf den kreativen Prozess eines Dichters soll hier gar nicht in Abrede gestellt werden. Allerdings ist es vom literaturwissenschaftlichen Standpunkt aus nicht legitim den Text eines Schriftstellers mit konkreten Lebenserfahrungen gleichzusetzen. Diese Vorgehensweise wird spätestens dann diskussionswürdig, wenn Autor und Erzählerfigur bzw. lyrisches Ich mit einem mathematischen Gleichzeichen versehen werden.

Der hier vorgestellte Handbuchartikel scheint frei von solchen, eher kritischen Überlegungen. Der Biographie Rosalías wird in diesem frühen deutschsprachigen Artikel eine besondere Bedeutung für Rosalía de Castros dichterischen Arbeitsprozess eingeräumt.

Als uneheliches Kind eines katholischen Priesters 1837 geboren, wuchs Rosalia (sic!) de Castro in Galicien auf, erhielt eine sorgfältige Erziehung und kam mit 19 Jahren nach Madrid. 20 Jahre alt verheiratete sie sich mit einem Journalisten, Manuel Murguía, dem sie mehrere Kinder schenkte. Zeit ihres Lebens wurde sie von häßlichen Anfeindungen, die wohl mit ihrer unehelichen Geburt zusammenhingen, von Krankheiten und Entbehrungen heimgesucht und starb 1885 nach einem Leben ernstester Pflichterfüllung als Mutter und Gattin, nach einem Leben, dessen schwere Bürde sie mit wahrhaft christlicher Geduld und Demut ertragen hatte.

Wie schwer dieses Leben für sie war und wie einsam und zerrissen das Innere der Dichterin, können wir ahnen, wenn wir ihre Gedichte lesen, insbesondere den Band »En las orillas del Sar« (An den Ufern des Sar), der ein Jahr nach ihrem Tod in Madrid erschien. Unter den vorher veröffentlichten Werken – 1857 der erste Gedichtband »La Flora« (sic!) – sind die wichtigsten die »Cantares Gallegos« (Vigo 1863, deutsch Galicische Lieder) und »Follas novas« (Madrid 1880, deutsch: Neue Blätter), die aber ebenso wenig wie ihr letztes Werk gebührende Anerkennung fanden.“

Der Ausdruck der „gebührenden Anerkennung“, welcher hier verwendet wird, entbehrt nicht einer gewissen Zweideutigkeit. Meinen die Herausgeber, dass Rosalía als klassische Dichterin eine überzeitliche Anerkennung gebührt oder beziehen sich die Autoren auf Rosalías lyrischen Schaffen, welchem zur Zeit der Publikation nicht die gebührende Anerkennung geschenkt worden war? Dass Rosalía mit ihrer Dichtung auf der Höhe mit einem Bécquer steht, da sie mit ihm verglichen wird, kennzeichnet sie als Dichterin von Rang. – Der Vergleich mit Bécquer gehört allerdings ebenso zu den Stereoptypen der Rezeptionsgeschichte wie das Trauma der unehelichen Geburt. – Hier könnte der Eindruck entstehen, dass der Lyrik einer schreibenden Frau nicht der gleiche, eigenständige Weert zugeschrieben werden soll, wie dies vielleicht bei einem männlichen Dichter geschehen wäre.

Die Autoren wenden sich nach der Diskussion biographischer Sachverhalte zunächst den »Galicischen Liedern« zu.

„Die »Cantares« enthalten volkstümliche Lieder fröhlichen Charakters, so volkstümlich, dass bei folkloristischen Aufnahmen eine ganze Anzahl von ihnen als Volkslieder angesehen und aufgezeichnet werden. Es sind Lieder einer jungen Dichterseele, deren Blick in die Zukunft noch durch keine traurigen Lebenserfahrungen getrübt worden ist.“

Die heutige Bedeutung Rosalía de Castros als Symbolfigur einer galicischen Nationalität und Erneuerer der galicischen Literatur ist Anfang des 20. Jahrhunderts noch offensichtlich noch nicht Gegenstand der Diskussion. Das Augenmerk liegt vielmehr auf dem Ausdruck einer romantischen Gefühlslyrik:

Die »Follas novas«, die ebenso wie die »Cantares« in galicischer Mundart geschrieben sind, zeigen die Dichterin auf einer weiteren Stufe ihrer Entwicklung. Melancholische Balladen und Gedichte, in denen ironische und sarkastische Töne immer stärker und öfter anklingen, füllen diesen Band, der stark an Bécquers damals berühmt gewordene »Rimas« erinnert. Während die Gedichte der »Follas novas« wie Bécquers »Rimas« im allgemeinen noch auf den Grundton einer zarten Traurigkeit abgestimmt sind, herrscht in der persönlichsten und bedeutendsten, in spanischer Sprache verfassten Sammlung Rosalía de Castros, »En las orillas del Sar«, ein bis zur Bitterkeit verdüsterter Schmerz und Pessimismus vor. Als charakteristisch für den Gehalt und die Tonart der Gedichte dieses Bandes möchte ich folgendes kurze Gedicht zitieren:

Aus Staub und Schlamm geboren

Werden wir wieder zu Staub und Schlamm;

Warum denn so viel kämpfen, wenn wir

Doch besiegt zu Boden sinken müssen?

Wenn die Rose voller Furcht und Demut

Daran denkt, erzittert sie,

Zittert im rauen Winde und sucht

Einen Winkel, den niemand kennt,

Um dort zu sterben, wenn nicht glücklich,

So doch in Frieden.

(En las orillas del Sar, Madrid 1909. Seite 113)“

Der Hinweis auf die Modernität der Galicierin erfolgt bereits hier. Die Modernität wird dabei allerdings in erster Linie im formalen Ausdruck ihrer Lyrik gesehen:

„Formal dagegen ist dieses Gedicht keineswegs typisch, da es im ersten Teil den Achtsilber, im zweiten die bekannte klassische und von der Romantik übernommene Kombination von Sieben- und Elfsilbern bringt und außerdem den sonst in »Orillas del Sar« seltenen Reim zeigt. Auffällig ist lediglich, dass die beiden Strophen in jeder Hinsicht ungleich gebaut sind und drei verschiedene Versarten in den neun Versen des Gedichts zur Anwendung kommen.“

Im folgender Ausführung wird für Rosalías Lyrik wieder das Konzept der Gefühlslyrik angestrengt:

„Bei Rosalía de Castro ist wie bei Bécquer ihr eigenes Innenleben der Stoff ihrer Gedichte. Unverhüllt wie im obigen Gedicht der bereitet sie die Qualen und Zweifel ihrer Seele vor uns aus oder gibt, ganz modern, indirekt in der Schilderung friedlich oder trostlos trauriger Landschaft ihre Seelenstimmung wieder. Dafür je ein Gedichtanfang als typisches Beispiel:

Stiller, milder Schmerz in folgenden Versen:

Friedlich war der Tag

Und lau die Luft,

Und es regnete, regnete

Still und sacht;

Und während ich schweigsam

In mich hinein weinte und seufzte,

Schlief mein Kind, ein zartes Röslein,

In den Tod hinüber.

Welch stiller Friede auf seiner Stirn beim Scheiden

Aus dieser Welt!

(op. cit. Seite 44).

Das Gefühl düsterer Lehre und dumpfer Angst in nachstehenden Strophen:

Aschgrau die Wasser; kahl

Die Bäume und Berge aschgrau;

Grau der Nebel, der sie verschleiert

Und grau die Wolken, die am Himmel hinziehen.

Auf der Erde herrscht trauriges grau vor

Die Farbe des Alters!

Von Zeit zu Zeit klingt gedämpft das Geräusch

Des Regens auf, und der Wind,

Der durch die Bäume fährt, pfeift und stöhnt

In so seltsamen, wohlklingenden und schmerzlichen

Klage lauten auf, als riefe man nach den Toten.

(Op. cit. Seite 86.)

Die Schreiber vergessen bei ihrer Analyse nicht, Rosalía de Castros exzellenten Fähigkeiten der Versgestaltung zu erwähnen. Aber auch hier müssen männliche Autoritäten als Rechfertigung dienen:

„Beim ersten Gedicht ist formal die Strophenform und die Verwendung von Sieben- und Dreizehnsilblern in der gleichen Strophe bemerkenswert, beim zweiten ebenfalls die eigenwillige Gestaltung der Strophenform, was an musikalisches Durchkomponieren erinnert; ferner wieder die Verwendung unpaariger Verse, wenn auch in der üblichen Kombination von Elf- und Siebensilblern, sowie die zahlreichen Enjambements.

Die darin zutage tretende innergesetzliche Musikalität von Rosalía de Castros Versen, deren Form mit dem Inhalt zugleich geboren wird, und bei denen sich daher Form und Inhalt gegenseitig bedingen und durchdringen, sichert der Dichterin in der spanischen Lyrik des 19. Jahrhunderts einen hervorragenden Platz. An originell-rhythmischem Empfinden und Gestaltungskraft ist sie zweifellos sogar Bécquer überlegen; denn sie hat bereits in ihrer Verskunst wichtige Prinzipien der Verlaineschen »Art poétique«: Musikalität der Verse — »De la musique avant toute chose« — und Vorliebe für die verschwebenden unpaarigen Verse — »Et pour cela préfere l’impair« —vorweggenommen und verwirklicht, die in Spanien erst um 1900 mit dem »modernismo« aufkamen. Diese Originalität ihrer Versgestaltung oder, wie die zeitgenössische Kritik vorwurfsvoll bemängelte, »adoptar metros inusitados y combinaciones nuevas« („sich ungewöhnliche Metren und neue Kombinationen zu eigen machen“, C.S.) ist zum großen Teil daran schuld, daß Rosalía de Castro das Schicksal vieler Vorläufer teilen mußte und bei den Zeitgenossen nur wenig Verständnis für ihre Dichtung fand.“

Trotz des Lobes finden die Autoren dennoch einen schwerwiegenden Kritikpunkt an Rosalía de Castros Dichtung, der nicht von der Hand zu weisen sei. Es sei der »Prosaismus« Rosalías der ihre Dichtung wiederum hinter der Bécquers zurückfallen ließe:

Andererseits besaß sie allerdings auch nicht in so hohem Maße wie der damals durch seine »Rimas« gerade berühmt gewordene Bécquer die Fähigkeit, ihre Empfindungen und Erlebnisse aus der Sphäre des mitteilenden, berichtenden Bekennens in eine dichterische Ebene zu erheben, ohne die Unmittelbarkeit der lyrischen Wirkung zu beeinträchtigen. Dieser Prosaismus, der trotz der abwechslungsreichen guten Instrumentation in ihren Gedichten oft durchbricht, stört auch den heutigen Leser. In dem Bande »En las orillas del Sar« tritt dieser Mangel an dichterischer Gestaltungskraft besonders stark zutage, weil fast sämtliche Gedichte dieser Sammlung auf den gleichen Grundton von Hoffnungslosigkeit, Todessehsucht und bitterer Enttäuschung abgestimmt sind. Das ermüdet auf die Dauer und läßt das Interesse erlahmen.“

Schließlich wird unsere Autorin ganz in den Kontext der europäischen Romantik gestellt. Der Schluss des Artikels lässt nicht den Eindruck aufkommen, dass Rosalía als eine Dichterin betrachtet wird, die durch ihre Verskunst bedeutende Dichter der spanischsprachigen Moderne inspiriert hat:

„Mit Bécquer und Rosalía de Castro klingt die Romantik in Spanien aus. Nachdem die stark vom Ausland inspirierte Theaterromantik des Martínez de la Rosa und des Duque de Rivas verrauscht, das genialische Pathos Esproncedas und die sonore Fanfare des nationalen Barden Zorrilla verklungen waren, fand in der Lyrik dieser beiden Dichter das zeitgenössische Empfinden seinen reinsten und innerlichsten Ausdruck und die beiden Forderungen Larras nach der »importante y profunda inspiración« („wichtigen und tiefen Eingebung”, C.S.) in der Lyrik und nach einer Literatur, die Ausdruck der Epoche sei (»la literatura nunca puede ser sino expresión de la época«, – „die Literatur kann immer nur Audruck der Epoche sein” C.S.), ihre ideale Erfüllung.

In Portugal verläuft die romantische Bewegung ganz ähnlich wie in Spanien. Zeitlich setzt sie eben falls erst nach der endgültigen Beseitigung des absolutistischen Regimes ein. Ferdinand VII. Starb 1833. Don Miguel mußte 1834 Portugal verlassen und ging in die Verbannung nach Wien. Die Träger der neuen literarischen Bewegung sind auch in Portugal Männer liberaler Gesinnung, die in den Jahren des Kampfes um die konstitutionelle Monarchie

(in Portugal 1822-1834; in Spanien 1812-1833) wiederholt die Heimat verlassen und als Emigranten jahrelang in Frankreich und England leben mußten. Wie ihre spanischen Gesinnungsgenossen lernten sie dort die Werke der großen englischen und französischen Dichter der Romantik: Scott, Byron, Chateaubriand, Lamartine und Victor Hugo kennen und wurden dadurch zu eigenen Schöpfungen angeregt.“

Wenn Rosalía de Castros Dichtung hier in ihrer Qualität und Außergewöhnlichkeit wahrgenommen, aber auch nicht unvoreingenommen beurteilt wird, so muss man doch positiv feststellen, dass sie als eine ernst zunehmende Lyrikerin dargestellt wird.

In einem literaturwissenschaftlichen Nachschlagewerk der Nachkriegszeit, das in Österreich herausgekommen ist, habe ich folgenden Eintrag gefunden:

Castro, Rosalia (sic!), span.-galic. Dichterin, geb. 21. 2. 1837 Santiago de Compostela, + 15. 6. 1885 bei Patrón (sic!).“

Rosalía wird sowohl ihr Kennzeichen adliger Herkunft »de« als als auch der Akzent auf dem »i« ihres Vornamens genommen. Ein weiterer Fehler ist der Todestag, welcher mit dem 15. Juni einen Monat zu früh datiert ist. Diese Ungenauigkeiten und Fehler, mögen damit zu entschuldigen sein, dass dieses Nachschlagewerk in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist und die Situation eines zerstörten Landes in Österreich ähnlich prekär war wie in Deutschland. Die Nachkriegssituation war für alle Bereiche der universitären Geisteswissenschaft, deren Existenzberechtigung kaum mit ökonomisch messbaren Werten begründet werden konnte, äußerst schwierig. Wollte jemand damals seinen Doktor machen, mussten Dutzende von auf schlechtem Papier gedruckten Exemplaren der Dissertation abgeliefert werden, damit die Universitätsschrift per Post deutschlandweit an alle Universitätsbibliotheken versandt werden konnte. Die Druckkosten konnten sich schnell auf mehr als 1000 Mark belaufen, die steuerlich nicht absetzbar waren. Als Referendar für das Lehramt am Gymnasium verdiente man in den 50er Jahren in Deutschland um die 80 Mark im Monat. Wer sich mit (fremdsprachiger) Literatur beschäftigte, hatte kaum Recherchemöglichkeiten. 1951, sechs Jahre nach Kriegsende, war nicht nur in Deutschland die Literaturbeschaffung noch recht beschwerlich. Viele Universitäts- und Staatsbibliotheken (wie z.B. die in München) wurden im Krieg schwer getroffen und haben wichtige Bestände verloren. Die Beschäftigung mit dem Galicischen oder mit Rosalía de Castro war eher eine Randerscheinung.

Diese Aspekte müssen wir uns heute wieder ins Gedächtnis rufen, wenn wir den ersten Band (A bis G) des mehrbändige Lexikons, das 1951 in Österreich

unter dem Titel »Die Weltliteratur. Biografisches, literarhistorisches und bibliografisches Lexikon in Übersichten und Stichwörtern von E. Frauwallner, H. Giebisch und E. Heinzel« zur Hand nehmen. Das Lexikon ist im Verlag Brüder Hollineck in Wien herausgegeben worden.

Es ist bemerkenswert das hier schon Rosalías Mutter genannt wird und der Vater unbekannt sei: „Die Mutter der Dichterin, Doña Teresa C., entstammte einer adeligen Familie; der Vater blieb unbekannt.“

Auch hier werden die Lebensumstände der Dichterin thematisiert und als ein Bewertungskriterium für ihre Dichtung gedeutet:

Dieser Umstand umschattete ihre Kindheit. 1856 ging sie nach Madrid, und im folgenden Jahre erschien ihr erstes, noch unbedeutendes Buch. Sie war mit dem galicischen Historiker Manuel Murguía unglücklich verheiratet und starb, immer schon kränklich, verhältnismäßig jung in der heimatlichen Landschaft, die ihre Dichtung verherrlicht hatte.“

Hier lesen wir nun auch, dass Rosalía de Castro sowohl als Vorreiterin der galicischen Literatur-Rennaissance als auch der literarischen Moderne bewertet wird:

„Zur gleichen Zeit, als die provenzalische und katalanische Renaissance einsetzte, belebte R. C. die galicische Mundart aufs neue. Ihre musikalischen, wehmütigen Gedichte knüpfen an Versmaße der Volksdichtung an, sind vielfach mystisch-religiös und singen von Leid und Sehnsucht ihrer bäuerlichen Heimat. Dabei wirkt ihre Lyrik erstaunlich modern und weist bereits auf Machado, García Lorca und den Lateinamerikaner Darío hin.“

In dem Lexikon der Weltliteratur findet nicht nur Rosalías Lyrik, sondern auch ihre Prosa und Übersetzungen ins Englische Beachtung:

Ihre Prosawerke, vor allem die exotischen Erzählungen, setzen die romantische Tradition fort. W.: Lyrik: Cantares gallegos, 1863; Follas novas, 80; En las orillas del Sar, 84, spanisch geschrieben. Romane: La hija del mar, 59; Flavio, 61; Ruinas, 64. Erzählungen: El caballero de las botas azules, 67; El primer loco, 81. Ü.: Engl.: Beside the River Sar, 1937 (Ausw. aus „En las orillas del Sar”). Lit.: Einleitung zu obiger Übers.; C. Barja: En torno al lirismo gallego del siglo XIX, 1926.”

Im Jahre 1969 publiziert Albin Eduard Beau den Artikel zu Rosalía de Castro in dem von ihm federführend herausgegebenen Buch: »Kleines literarisches Lexikon. Vierte, neu bearbeitete und stark erweiterte Auflage. Erster Band. Autoren I. Von den Anfängen bis zum 19. Jahrhundert. Bearbeitet von Professor Doktor Albin Eduard Beau und anderen. In Fortführung der von Wolfgang Kaiser besorgt zweiten und 3. Aufl. herausgegeben von Horst Rüdiger und Erwin Koppen.«

Er bezeichnet Rosalía als »galizische Dichterin, geboren 1837 in Santiago de Compostela (Provinz La Coruña), gestorben 1885 in Padrón.«

Die bekannten biografischen Umstände werden auch hier wiederholt:

R. de C. war uneheliches Kind vornehmer Herkunft und heiratete 1856 den Schriftsteller Manuel Murguía, der an der Spitze der Bewegung für die kulturelle Eigenständigkeit Galiciens stand und bestimmenden Einfluss auf die Dichterin ausübte.“

Interessant ist in diesem Artikel der versteckte Hinweis darauf, dass sich Rosalía de Castro – parallel zu der vielfach einsetzenden Nationalitätenbewegung des 19. Jahrhunderts – für eine geistige und kulturelle und politische Unabhängigkeit Galiciens gegenüber dem auch kulturpolitisch zentralistischen Spanien eingesetzt haben soll. Diese keinesfalls unumstrittene Darstellung Rosalía de Castros Wirken ist also bereits Ende der 60er Jahre in der deutschsprachigen Diskussion angekommen. In dem Artikel von 1923 war davon noch überhaupt keine Rede. Die Annahme liegt nahe, dass eine Politisierung der Schriftstellerin von Außen an ihr Werk herangetragen worden sein könnte und ihr Werk von damaligen Rezipienten politisch instrumentalisiert wurde:

Ihre Hauptwerke – nach dem ersten Gedichtband »La Flor« (Die Blume), 1857, in spanischer Sprache und im romantischen Geschmack – sind die im heimatlichen galicischen Idiom verfassten Gedichte »Cantares Gallegos« (Galizischen Gesänge), 1863, und »Follas novas« (Neue Blätter), 1884, in denen sie sich als Dichterin mit der Eigenart des Volkes und der Landschaft ihrer verkannten und vernachlässigten Heimat identifizierte und für die Neubelebung der galizischen Dichtung dasselbe leistete wie F. Mistral für die der provinzialistischen.“

Die Bewertung der Lyrik und Prosa entspricht der Rezeptionstradition. Dieses Schema gerät erst nach 1986 ins Wanken:

Die spanischen Gedichte »En las orillas del Sar« (An den Ufern des Sar), 1884, erregten Aufsehen durch metrische Kühnheiten, durch die sie auf die moderne spanische Dichtung eingewirkt hat. Ihre Werke in spanischer Prosa, die psychologischen und satirischen Novellen »Flavio«, 1863, »Ruínas« (Ruinen), 1866, und »El primer loco« (Der erste Wahnsinnige), 1881 stehen nicht auf der Höhe ihrer Lyrik.“

Als Literaturangabe finden wir hier lediglich die Ausgabe »Obras Completas«, die ab 1944 herausgegeben wurde.

Hans Felten verfasst für Kindlers neues Literaturlexikon, 1988 / 1998 im Kindler Verlag München von Walter Jens herausgegeben, den im dritten Band (Bp-Ck) erscheinenden Artikel zu Rosalía. Wir finden unsere Autorin unter dem Eintrag »Rosalía de Castro de Murguía«. Bezüglich der Lebensdaten bemerken wir bei Felten eine Unsicherheit, da der 21. Tag im Februar 1837 mit einem Fragezeichen versehen wird. Der Geburtsort wird wie üblich mit Santiago de Compostela angegeben. Sterbeort und Sterbedatum erscheinen hier als 15. 7. 1885 in Padrón. Der Artikel wird mit den Worten „Das lyrische Werk (span./gal.) von Rosalía de Castro” eingeleitet. Tatsächlich spart sich Felten zunächst jeglichen Kommentar über Rosalías Herkunft oder andere, hinlänglich bekannte und dennoch diskussionswürdige biografische Einzelheiten und richtet sein Augenmerk in erster Linie auf Rosalías Dichtung und ihre Wirkung: „Rosalia de Castro, in der eine ideologisch ausgerichtete Kritik vor allem eine Symbolgestalt des galizischen Regionalismus und einer eigenständigen neuen galizischen Literatur oder auch eine frühe Feministin innerhalb einer patriarchalisch bestimmten Gesellschaft sehen will, steht im Kontext der spanischen Literaturgeschichte des späten 19. Jahrhunderts nahezu gleichrangig neben Gustavo Adolfo Bécquer (1836-1870). Ähnlich wie Bécquers »Rimas« (posthum 1871) kommt ihrem späten Lyrikband »En las orillas del Sar«, 1884 (An den Ufern des Sar), eine entscheidende Bedeutung auf dem Weg zu einer Erneuerung der spanischen Lyrik zu, wie sie sich schließlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem in der Schule der »modernistas« realisiert hat. Manche ihrer Verse – hierauf hat schon L. Cernuda (1902-1963) verwiesen – lassen sich unschwer auch als Vorwegnahme Ruben Daríos (1867-1916) verstehen, so zum Beispiel die modernistischen Klangmetaphorik der Schlussstrophe aus »Pensamientos de alas negras« (Gedanken aus schwarzen Flügeln) aus dem Zyklus »Santa Escolástica: frescas voces juveniles, armoniosos instrumentos, / A Venid!, que vuestros acordes yo quiero unir mis acentos« (Ihr jugendlichen frischen Stimmen, ihr Instrumente, in Harmonie,/Kommt, euren Akkorden will ich singend mich verbinden).“

Felten geht auch auf die Rezeptionsgeschichte ein, leider aber ohne auf die Bedeutung so wichtiger Autoren wie Azorín oder Unamuno im Rezeptionsprozess einzugehen: “Auch die Rezeptionsgeschichte zeugt vom ständig wachsenden Nachruhm der Rosalía de Castro. Zwar wird sie nicht gleich wie Becker zum »poeta contemporáneo« erhoben, doch huldigen ihr unter anderem Federico García Lorca (vgl. »Canzón de cuna pra Rosalía Castro (sic!), morta«. – Wiegenlied für die verstorbene Rosalía de Castro), Gerado Diego und unlängst auch José Ángel Valente. In ihren mit Rosalia überschriebenen Widmungsgedichten zitieren und variieren sie – Diego in spanischer, Valente in galizischen Sprache – Verse und Bildfragmente aus Rosalía de Castro aus spätem Prosagedicht »Dicen que no hablan las plantas, ni las fuentes, ni los pájaros« (Sie sagen, Pflanzen, Quellen, Vögel kennen keine Sprache).”

Hier wäre zu ergänzen, dass sich die Rezeption Rosalía de Castros nicht allein auf die Nachahmung ihrer Lyrik beschränkt.

Felten nennt alle bekannten Lyriksammlungen unserer Dichterin: „Das lyrische Werk umfasst fünf Bücher: die beiden frühen Werke, »La flor«, 1857 (Blüten), und »A mi madre«, 1863 (An meine Mutter), die in galizischen Sprache geschriebenen Sammlungen, »Cantares Gallegos«, 1863 (Lieder aus Galicien), und »Follas novas«, 1880 (Neue Blätter), sowie das wieder in spanischer Sprache verfasste Spätwerk, »En las orillas del Sar«.”

Es ist sehr verdienstvoll, dass sich Felten in seinen Ausführungen auch Rosalías ersten Gedichtband widmet: “Die sechs teilweise recht umfangreichen Probleme aus »La flor« – darunter als bekanntestes »Un recuerdo« (Erinnerung) – orientieren sich in Thematik, Stil und Versformen noch ganz an der Tradition der spanischen Romantik.”

In seiner Bewertung der Gedichte gelangt der Aachener Romanist zu folgendem Schluss: „Darüber hinaus eine psychologisierende Kritik in der schmerzvollen Liebesthematik – einem Leitthema auch in den späteren Werken, dass literaturgeschichtlich gesehen an J. Esproncedas »Canto a Teresa« erinnert – auch autobiografische Züge entdecken zu können: die »Sublimierung des Makels einer unehelichen Geburt«.

Wenn Felten aber meint, dass „trotz oder vielleicht besser wegen seiner Traditionalität […] der schmale Lyrikband der kaum 20-jährigen eine enthusiastische Kritik im Kreise der Madrider Literaten [erfuhr]“, so erweckt dies doch den Anschein eines tatsächlich nicht beweisbaren literarischen Erfolges des Erstlings. Tatsächlich stammt die enthusiastische Kritik von der hier geredet wird, von Manuel Murguía, einem alten Bekannten Rosalías aus den Tagen in Santiago de Compostela, den sie darüber hinaus kurz darauf ehelichen wird.

Nach diesem kurzen Exkurs zur frühen Lyrik Rosalías leitet Hans Felten auf das Thema der Modernität in Rosalía de Castro Lyrik über und bespricht den Gedichtband »Las orillas del Sar«:

“Anders als die stark traditionell geprägten Texte aus Laflor und die von der Trauer über den Tod der Mutter bestimmen meist einfachen Verse aus A mi madre verweisen die kaum mehr als einhundert Gedichte und Gedichtszyklen der Sammlung »En las orillas del Sar« auf die Moderne. Was dabei die Modernität der Autoren ausmacht, das sind neben der Thematik des Schmerzes, der Einsamkeit und des Todes und einer Weltsicht die »der Philosophie des absurden nicht mehr fern steht« (M. Mayoral) vor allem die stilistische und metrischen Neuerungen eine Vorliebe für die Assonanz, die Auflösung der strengen Vers und Strophenformen und Abrücken von der deklaratorischen Weitschweifigkeit der frühen Romantiker (vor allem Esperoncedas) und auch vieler ihrer Zeitgenossen. Mit diesen Neuerungen, so originell sie auch im einzelnen sind, steht Rosalía de Castro letztlich in der Nachfolge Bécquers. Auch in scheinbar ganz einfach gehaltenen Texten, wie zum Beispiel in dem vier Strophengedicht »Las Campanas« (Die Glocken) manifestieren sich die Besonderheiten der Lyrik Rosalia de Castros. Der reimlose Text ist auf das Thema des Todes als Teilnahme der Toten an der Welt der Lebenden hin pointiert, und das romantische Modell der Glocken, das zunächst scheinbar ganz konventionell eingeführt wird – »Yo las amo, yo las oigo cual oigo el rumor del viento,/ el murmurar de la fuente…« (Ich liebe sie, höre sie/wie Windesrauschen, Quellenmurmeln…) – Wird aus seiner traditionellen Zuordnung zur romantischen Weltschmerzthematik gelöst und dem Thema des Todes untergeordnet: »Si por siempre enmudecieran,… que extraneza entre los muertos« (doch verstummen sie einmal:… Welch wundern bei den Toten).“

Es fällt auf, dass auch in diesem Lexikon Eintrag die Lyrik Rosalía de Castros nicht uneingeschränkt als gelungen dargestellt wird. Ein Thema, das schon in dem Artikel aus den zwanziger und dreißiger Jahren bekannt ist. Neu ist hier allerdings die Begründung, dass Banalitäten, die in einer einfachen alltäglichen Sprache kontrastiert werden, ein Zeichen für weniger gelungene Lyrik ist:

“Trotz der Modernität, die zu Recht vor allem der spanischen Lyrik der Autoren zuerkannt wird, entgehen ihre Texte nicht immer der Redundanz und der Banalisierung. Dies gilt vor allem für die Gedichte, die auf die Tradition der »Doloras« (1846) von R.de Campoamor (1817-1901) in ihren aller Weltsweisheiten, ihrer einfach alltäglichen Sprache und ihrer Kontrastechnik verweisen, so zum Beispiel »Te amo… por qué me odias/ Te odio… por qué me amas (Ich lieb dich…: was hast du mich/Ich haß dich… was liebst du mich).”

Mir scheint dies Urteil doch ein wenig willkürlich zu sein, bedenkt man dass solch eine Art Lyrik bei Heinrich Heine, mit dem Rosalía de Castro so gerne verglichen wird, beispielhaft als Kennzeichen für einen großen deutschen Dichter genannt wird.

In Feltens Beitrag wird auch die mittlerweile sprichwörtlich gewordene Bedeutung Rosalías Dichtung für den erneuten Beginn des Galicischen als Literatursprache und der expliziten Sozialkritik ausgeführt:

Weit bedeutsamer noch als für die die spanische ist Rosalía de Castro für die galizischen Literatur. Die Cantares Gallegos markieren nach einhelliger Auffassung der Kritik den Beginn einer Renaissance des galizischen als Literatursprache, den es seit dem späten Mittelalter verloren hatte. Und mit »Follas novas«, dem zweiten auf galizischen geschriebenen Lyrikband, hat Rosalía de Castro das Galicische endgültig wieder als Literatursprache institutionalisiert. In dem viel zitierten Prolog zu den Cantares gallegos, der sich als eine literarische und mehr noch als eine politisch gesellschaftliche Programmschrift begreifen lässt, in die Dichterin ihre vorrangigen Ziele: die Apologie und Rehabilitierung der so viel geschmähten Region Galicien, der Menschen und ihrer Sprache. Dieses Galicien, das für Ignoranten und böswillige nur ein »Dreckstall« (»un cortello inmundo«) sei, stilisiert Rosalía de Castro zu einer gleichsam paradiesischen und dann auch poetischen Landschaft: »Sehen, Wasserfälle, Sturzbäche, blühende Auen, Täler, Höhenzüge, der Himmel, so heiter wie diejenigen Italiens… Galicien ist immer ein Garten, in dem man reine Düfte atmet, Frische und Poesie«. Gegenstand der »Cantares gallegos« sei die Poesie des Volkes, zu deren Sprecherin sie sich gemacht habe: »All das, was um seine Form und seines Kolorit Willen wert ist, besungen zu werden, all das, was als Echo, als Stimme, als an Murmeln… an mein Herz berührt hat, all das habe ich in diesem schlichten Buch zu singen gewagt, um einmal wenigstens… Denen, die uns… Missachten, zu sagen, dass unser Land rühmen wert ist und dass unsere Sprache nicht das Kauderwelsch ist, dass man plump sie verfälschen,… dafür ausgibt…«. Die Politisierung der Landschaft und der Glaube an das Volk als schöpferische Größe, an denen sich Rosalía de Castro in den »Cantares gallegos« orientieren will, all diese Vorstellungen sind zwar Topoi der europäischen Romantik, doch hat die Autorin sie als erste auf Galicien bezogen. Es ist indes nicht nur ein idyllisch poetisches Galicien mit seinen Kirchweihfesten und Volksbräuchen und einer volksliedhaften Liebe (zum Beispiel »San Antonio bendito ,/dádeme un home« – Heiliger San Antonius, schenkt mir einen Mann), wenngleich sie andererseits nicht überaus stark vertreten ist, die soziale Thematik, und hier vor allem das Thema von wirtschaftlicher Armut erzwungenen Emigration. Als populär gewordene Texte sind in diesem Zusammenhang vor allem zu nennen: das Abschiedslied des jungen Auswanderer: »Adiós rios, adiós fontes« (Lebt wohl ihr Flüsse, ihr Quellen) und das Klagelied »Castellanos de Castilla,/tratáde ben ós gallegos« (Ihr Männer aus Kastilien, behandelt die Galicier gut), der Protest und Aufschrei einer Frau gegen die Arbeitsbedingungen in Kastilien, denen ihr Mann zum Opfer gefallen ist.“

Felten hebt schließlich auch hervor, dass die soziale Problematik besonders in den »Follas novas« an Schärfe gewinnt, aber das vor allem auch die hohe poetische Qualität ihrer Dichtungen Rosalía zu Symbolfigur gemacht haben, zur Personifikation des galicischen Geistes:

Noch weit schärfer als in den Cantares gallegos zeichnet Rosalía de Castro in den »Follas novas« die soziale Problematik Galiciens. Im Prolog bekennt sich ausdrücklich zu dieser Zielsetzung: die Mehrzahl der Texte »soll Ausdruck geben von den Drangsal derer, die schon so lange leiden«. Wieder sind die Themen: Hunger, Armut, Ausbeutung, Verlassenheit, erzwungene Auswanderung, vgl. z.B. das »Pra Habana« (Auf nach Havanna) überschriebene Einleitungsgedicht zudem mit »Ás viúdas dos vivos i as viúdas dos mortos« (die Witwen der Lebenden und die Witwen der Toten) betitelten fünften Teil der Sammlung: »Vendéronlle os bois,/vendéronlle as vacas…« (Sie verkauften in die Ochsen,/sie verkauften ihm die Kühe). Auch der soziale Protest verschärft sich in den Follas novas. So wird in dem Poem »A xusticia pola man« (Selbstjustiz) wie schon in »Castellanos de Castilla«, eine Frau zur Sprecherin des Protests gemacht. Rosalía de Castros Texte sind indes weit mehr als zeitgebundene Sozialkritik und Zeugnis der Misere Galiciens im späten 19. Jh. Gerade auch in den »Follas novas« finden sich Verse, die fern aller vordergründigen Sozialproblematik mit ihrer kunstvollen Gestaltung des Leidens an die mittelalterlichen »Chansons de toile« erinnern (vgl. z.B.: »Tecín soya a miña tea« – allein webt ich mein Linnen) oder die den Schmerz der Frau, die vergeblich auf die Rückkehr ihres Mannes hart, in eine einfache »Copla« fassen und in zwar alte, aber dennoch eingängige Symbole konzentrieren: »Non coidderéi xa os rosales,/ que teño seus, nin os pombos« (nicht mehr denk ich an die Rosen, / die mehr seine wahren, nicht mehr an die Tauben). – Das soziale Engagement, das so viele ihrer Texte auszeichnet, aber nicht zuletzt auch ihre so eingängigen Verse haben Rosalía de Castro für nicht wenige ihrer galizischen Landsleute zu einem Mythos Galicien zur »personificación del espíritu gallogo« (M. Mayoral), werden lassen.“

Leider bricht Feltens Beitrag hier ab und das seit dem großen internationalen Rosalía de Castro Kongress im Jahre 1986 neu erwachte Interesse an ihrem Prosawerk findet hier keinen Widerhall.

Dennoch gehört Hans Feltens Rosalía de Castro-Artikel zu den umfangreichsten und der damaligen Rezeption unserer Autoren in Deutschland entsprechenden Beiträgen. Der Eintrag in Kindlers Literaturlexikon, das 2009 in einer dritten, völlig neu bearbeiteten Auflage im Metzler Verlag erschienen und von Heinz Ludwig Arnold herausgegeben worden ist, bietet dem hingegen kaum brauchbare Informationen und fällt um Längen hinter allen hier vorgestellten Artikel zurück. Die stichpunktartige Passage in Kindlers Literaturlexikon trägt vielmehr zu einer Stereotypisierung Rosalías bei als zur Erstinformation über eine Autorin von Rang, indem es dort heißt, dass sie „Tochter eines Priesters“ sei und sie „ihr Leben lang unter dieser illegitimen Herkunft (litt.)“. Dass Rosalía „nach kurzem Aufenthalt in Zentralspanien die meiste Zeit ihres Lebens in Galicien (verbrachte)“ ist zwar richtig, trägt aber weder zum Verständnis ihrer Dichtung noch ihrer Biographie bei. Die Etikettierung Rosalía de Castros als „Vorläuferin der galicischen Modernisten” ist darüber hinaus doppeldeutig bis falsch. Kindlers Literaturlexikon verzeichnet weder die Übersetzung Vogelgsangs noch die Dissertationsschrift Briesemeister als deutschsprachige Veröffentlichungen.

Fußnoten:

1.) Zur Haltung der einzelnen Romanisten in der Zeit ab 1933 sind die einzelnen Wikipedia-Einträge ein erster Hinweis. Über das Verhalten einzelner Romanisten im Nationalsozialismus hat Frank-Rutger Hausmann ausführlich geforscht.

Azorín und Rosalía de Castro

Jeder Universitätsdozent und jeder Gymnasiallehrer bringt seinen Studenten und Schülern bei, dass der Name eines Autoren, der auf dem Buchtitel eines literarischen Werkes prangt, nicht mit dem lyrischen Ich oder der Erzählerfigur eines literarischen Textes gleichzusetzen ist. In der schreibenden Zunft scheinen dies viele vergessen oder vielleicht doch nicht gelernt zu haben. Diesem Postulat haben viele Schreiber, die sich den Texten Rosalía de Castros widmen, anscheinend nicht besonders große Aufmerksamkeit geschenkt. Es fällt schwer, sich eine andere Erklärung dafür zurecht zu legen, dass gerade in den Texten von Rosalía de Castro seit vielen Jahren die Stimme des lyrische Ichs der Gedichte oder die der Erzählerfigur in ihren Prosatexten immer wieder so willkürlich mit der Stimme der Autorin gleichgesetzt worden ist, was zur Folge hatte, dass Rosalía ein schwermütiger, melancholischer, ja sogar depressiver Charakter angedichtet wurde. Für bestimmte Gedichte Rosalía de Castros mag die Melancholie und Traurigkeit oder die typisch galicische morriña ein bestimmendes Thema sein. Aber muss Rosalía deshalb auch eine schwermütige Persönlichkeit gewesen sein? María Xesús Lama hat in ihrer neuesten Biographie zu Rosalia de Castro überzeugend aufgezeigt, dass zum Beispiel die tatsächlich vorhandene Melancholie in den Texten Rosalías nicht viel bis tatsächlich gar nichts mit der wirklichen Person und Schriftstellerin Rosalía de Castro zu tun hat.

Wie aber konnte es dazu kommen, dass die literarische Rezeption seit Jahren die in den Gedichten vorhandene saudade ein ums andere Mal bedenkenlos auf die Person und den Charakter der Schriftstellerin projiziert worden ist? Hier kann es hilfreich sein, literarische Autoritäten erneut zu lesen, die das Bild Rosalía de Castros im 20. Jahrhundert prägten.

Unter den bekannten Schriftstellern der sogenannten Generation von 98 wird immer wieder José Augusto Trinidad Martínez Ruiz (1873-1967), welcher sich 1904 den Künstlernamen Azorín zulegt, als einer der Autoren mit Symbolcharakter genannt, der Rosalía de Castro vor dem Vergessen der spanischen Literaturgeschichte bewahrt haben soll. Azorín besaß Symbolcharakter innerhalb des Legitimationssystems seiner Zeit, denn er war nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Literaturkritiker und Politiker tätig. Wirft man einen Blick in die umfangreiche biographische Dokumentation und kritische Bibliografie der Autoren Aurora López und Andrés Pociña, fällt es dem aufmerksamen Leser schwer zu glauben, dass Rosalía de Castro tatsächlich jemals von den Lesern und Bewunderern vergessen worden sei. Und Azorín selbst schreibt 1914 nicht das erste Mal über Rosalía. Es hat den Anschein, dass die literarische Rezeptionsgeschichte Rosalía de Castros tatsächlich noch mehr blinde Flecken aufweist als die, welche durch die neueste Rosalía de Castro-Biographie Lamas aufgezeigt worden sind.

Im Jahre 1929 erscheint in Azoríns Essaysammlung Leyendo a los poetas (dt. Beim Lesen der Dichter) der ein Artikel, der sich Rosalía de Castro widmet. Er ist auf den 8. Januar 1914 datiert, ein halbes Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Allein, für Jahr 1914 verzeichnen López und Pociña mehr als die eine Veröffentlichung zu Rosalía de Castro. Es handelt sich dabei allerdings um weit weniger bekannte Autoren wie José R. Carracido, Carolina Michaëlis de Vasconcellos, Emilio Villega y Rodriguez, Joaquín de Arevalo und anderen, die im allgemeinen in der Rezeptionsgeschichte kaum gewürdigt werden, da sie nicht die gleiche Reputation oder ein ähnliches Prestige genießen und eben nicht diesen Symbolcharakter besitzen wie unser levantinischer Schriftsteller, der von der Melancholie in den Texten unserer Galicierin so begeistert ist und der Rosalía de Castro schon vor 1914 gehuldigt hat und ihr auch nach 1914 weitere Artikel widmen wird. Dass Rosalía de Castro wohl kaum einem von Azorín befürchteten Vergessen des kulturellen Gedächtnisses Galiciens befürchten musste, belegt auch der Künstlerwettbewerb und die sich daran anschließende Errichtung des Rosalía de Castro-Denkmals in Santiago de Compostela, Ereignisse, die ebenfalls in das Jahr 1914 fallen und nicht von wenig Polemik begleitet gewesn waren. Der Diskurs über das Rosalía-Denkmal in Santiago kann in der Gaceta Gallega nachvollzogen werden, die in ihrer November-Ausgabe 1914 Rosalía eine große Hommage widmet.

In Azoríns Aufsatz zu Rosalía de Castro finden wir also schon beide Aspekte, die in der Folge jahrzehntelang durch die Literaturgeschichte geistern sollen: das Bild einer schwermütigen, melancholischen, ja depressiven Rosalía de Castro und die Behauptung, dass Rosalía de Castro eine zu unrecht vergessene Schriftstellerin sei. Man möchte sich dem Eindruck erwehren, dass Azorín hier Eigenwerbung für seine Essaysammlung machen möchte, indem er sich einer bekannten Koryphäe der galicischen Literaturgeschichte bedient. Azorín war ja kein unbekannter. Rezipienten, die etwas auf sich hielten, konnten die Autorität Azorín bedenkenlos zitierten und so von der Akzeptanz der gültigen Meinung profitieren. Sie mussten nicht befürchten, vom literarischen Diskurs ausgeschlossen zu werden, als wenn sie eine Meinung vom geringerem Symbolcharakter zitierten.

Azorín ist aber kein Literaturwissenschaftler, sondern in erster Linie ein Schriftsteller. Deshalb ist es für ihn auch völlig legitim, über ein bekanntes Porträt Rosalías frei über ihren Charakter zu assoziieren. Sinngemäß sagt er zu dem uns allen bekannten Foto Luis Selliers: „Wenn wir, die wir sie nicht gekannt haben, heute das Porträt Rosalías betrachten, stellen wir uns eine empfindungsfähige und melancholische Frau vor. Der Dichter (sic) hat sehr expressive Augen; ihr Mund ist groß; einige Locken fallen in die Stirn, und in ihrem Gestus, in der Haltung ihres Kopfes, in ihrem Blick, in ihren Mundwinkeln weht der Geist der Resignation, der Traurigkeit, der unbefriedigten Sehnsucht“ (S. 176).
Auch die Schlussfolgerung, die Azorín zu seinem Kommentar Rosalías Gedicht mit dem Titel Margarita aus dem Gedichtband An den Ufern des Sar zieht, ist durchaus nicht von literaturwissenschaftlicher, sonder viel mehr von literarischer Handwerkskunst gekennzeichnet: „Rosalia, du bist nicht gestorben; dein Bild lebt in dem Herzen jener weiter, die deine reine lyrische Zärtlichkeit lieben und die amtliche Prunksucht und die ungerechten Unbilligkeit verabscheuen, welche dazu führen, dass die guten Menschen die Heimat verlassen. Rosalía: in deinem Haus der Güte und der Traurigkeit liest man, so wie du es in einem deiner Gedichte gesagt hast, eine unruhige Besorgnis, die geheimen Zärtlichkeiten…”
Diese wenigen Zeilen aus Azoríns 1914 publizierten Artikel über Rosalía de Castro, scheinen zu belegen, dass in der Folge tatsächlich gern das Bild der literarischen Autorität Azoríns tradiert worden ist.

Eine Frage, die bisher wenig beantwortet ist, ist die, warum sich also Azorín so sehr für die melancholischen Gedichte Rosalias begeistern konnte. Es ist wohl nicht von der Hand zu weisen, dass auch im Spanien des Jahres 1914, trotz aller wirtschaftlichen Prosperität, die durch den bevorstehenden Ausbruch des Ersten Weltkriegs ihren Anfang nahm, ein Bewusstsein dafür vorherrschte, in einer Krisenzeit zu leben. Spaniens imperialistisches Abenteuer in Marokko zeigte nicht den gewünschten Erfolg einer Kompensation für den Verlust der letzten überseeischen Kolonien. Seit spätestens Anfang Juli 1909 war das spanische Militär in bewaffnete Konflikte mit den Riffkabylen verwickelt als deren Tiefpunkt das verlorene Gefecht der Spanier im Barranco del Lobo bei Melilla gilt, wo die spanischen Truppen gegen die Berber eine katastrophale Niederlage erlitten. Die Sinnlosigkeit des Krieges und die soziale Ungerechtigkeit bei den Truppenaushebungen für den Marokko-Feldzug führte in Barcelona zur Tragischen Woche (Semana Trágica), bei der es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen dem von der Regierung eingesetzten Militäreinheiten und den Antikriegsdemonstranten kam. Dieser Aufstand gegen den Krieg konnte von der Regierung zwar noch niedergeschlagen werden, dennoch kam es in der Folge der Unruhen schließlich 1917 zum Sturz der Maura-Regierung und der spanische Staat rutschte bis 1923 in eine Dauerkrise.

Azorín hat in Rosalías Gedichten vielleicht den Ausdruck entdeckt, der dem Weltschmerz und der Resignation jener Krisenjahre entspricht. Rosalías Dichtung sprach Azorín aus der Seele. Und das, was Azorín in der Lyrik unserer Autorin fand, hat er auch in der Landschaft gefunden, denn er äußert sich in Zukunft immer sehr wohlwollend über Galicien.

1917 veröffentlichte Azorín seine Essaysammlung Wie die Spanier die Landschaft Spaniens sehen (sp. El paisaje de España visto por los españoles). Diese Skizzen über die verschiedenen Regionen Spaniens, welche der in Provinz Alicante geborene Schriftsteller unermüdlich bereist hat, sind durchdrungen vom Geist des Francisco Giner de los Ríos, dem Begründer der undogmatischen, liberalen und vom Geist des Krausismus durchdrungenen Institución Libre de Enseñanza (dt. Institution der freien Lehre). Er zeichnet uns ein Bild der spanischen Landschaften, das mit seiner Idee des nationalen Kontinuums übereinstimmt und ihn als einen Autoren der sogenannten Generation von 98 auszeichnet. Das Kapitel zu Galicien umfasst mehr als zehn Seiten (Seite 69-82) und beginnt mit der Huldigung Rosalía de Castros: „Galicien und Rosalía de Castro. Wenn wir die Feder aufs Papier setzen, um das Wort Galicien zu schreiben, wurde sie sogleich von unserem Geist evoziert, mit lebendiger tiefer Empfindung, die Figur der Rosalía de Castro. Sie fügt unserer Vorstellung von der Landschaft, den Wege und Städten ein rein subjektives Element hinzu. Welche Vorstellung von Galicien prägt den Autor dieser Zeilen? Wie fühlt er Galicien?“ Diese Gedanken gehen Azorín auf seiner zu Zugfahrt von Guipúzcoa nach La Coruña durch den Kopf. Um jenes Land zu interpretieren, greift der Autor zwar auch auf Emilio Pardo Bazán und Valle-Inclán zurück. Doch an erster Stelle steht für ihn Rosalía de Castro. Azorín wiederholt seinen Vorwurf aus dem Jahr 1914 und, wie wir noch sehen werden aus den Jahren 1912 und 1913, gegenüber dem Unverständnis der modernen spanischen Kritik in Bezug auf eine der schönsten, stärksten und ursprünglichsten Dichtern, die Spanien je hervorgebracht hat. Rosalía würde von einer undurchdringlichen Stille umgeben:

„In der Lyrik Rosalias gibt es einen tiefen Sinn für die Landschaft Galiciens. Nur wenige Schriftsteller spiegeln mit so großer Treue ein bestimmtes Milieu. Rosalía, feinsinnig, einfühlsam und schmerzensreich, hat die Elemente der Ungewissheit, der Melancholie, des Mysteriums, des unbestimmten Sinns für den Tod in die Kunst gebracht, die später eine so ausgezeichnete Entwicklung im Werk des Valle-Inclán erreichen wird. Diese Hinweise sollen hier reichen. Unser Ziel ist es, jetzt ein Beispiel zu geben wie Rosalía de Castro die Landschaft ihrer Heimat gefühlt hat. Und wir wiederholen die Empfehlung, das ganze poetische Werk Rosalías zu lesen, um ihre Landschaften jedes Mal zu genießen, wenn diese durch ihre Verse schimmern.“

Azorín zitiert dann zwei bekannte Stellen aus dem Prolog der Galicischen Lieder, eine über die südspanische Landschaft im allgemeinen, die also er nicht ganz gerecht findet, die andere über die besondere Schönheit der galicischen Landschaft, welcher Azorín voll und ganz zustimmen kann.

Die erste Beschäftigung Azoríns mit Rosalia Castro fällt bereits in das Jahr 1912. In einer Rezension mit dem Titel Kastilische Lyriker (dt. Liricos Castellanos) zu dem damals gerade erschienenen Buch von Juan Ramón Jiménez, Magische und schmerzvolle Gedichte (sp. Poemas mágicos y dolientes), die er in der Zeitung La Voz de Galicia am 25. Mai 1912 veröffentlicht haben soll, klagt er über die widerspenstigen Kräfte, die sich gegen die Bewegung einer Erneuerung der spanischsprachigen Lyrik stellen. Als Paradebeispiel nennt er die Feindseligkeit und das Unverständnis gegenüber Rosalía de Castros Gedichtband An den Ufern des Sar. Er hebt hervor, dass die Verwunderung leicht zu Entrüstung werde, wenn man an dieses außergewöhnliche, vorzügliche, wundervolle Buch denke:

„Es blieb in Spanien völlig unbeachtet und als es Jahre später, beachtet wurde wird seine Autorin, Rosalía de Castro, immer noch nicht als das betrachtet, was sie tatsächlich ist: als einer der größten Dichter unseres Vaterlandes. Gab es im Jahr 1884 niemanden fragt man sich verwundert, der dieses Buch lesen konnte?“

Azorín weist auf den großen Verdienst Rosalías hin, „die erste in Spanien gewesen zu sein, die mit den gebräuchlichen metrischen Formen ihrer Zeit“ gebrochen habe. Er betrachtet sie schließlich als größte Lyrikerin der Mitte des 19. Jahrhunderts und als solche als Vorläuferin der vorzüglichen zeitgenössischen Dichter. Hier schließt sich der Kreis der Legitimitätssphäre mit Anspruch auf universale Anerkennung. Azorín ist legitimiert über den Wert von Literatur zu urteilen. Er moniert die geringe Anerkennung der zeitgenössischen Kritik auf die modernen literarischen Strömungen, zu der er selbst gehört und verweist dabei auf Rosalía de Castro, die ebenso wenig den verdienten Ruhm und die Anerkennung erhalten hätte, welche der modernen spanischen Dichtung Anfang des 20. Jahrhunderts ebenfalls versagt blieb. In seinem Buch Clásicos y Castellanos (dt. Klassiker und Kastilier) klagt er 1913 erneut über die mangelnde Resonanz der Literaturkritik, einer konkurrierenden Legitimationsinstanz mit bloßen Anspruch auf Legitimität, auf die Publikation von An den Ufern des Sar. Dieser Vorwurf wurde von einer weiteren Legitimationsinstanz, dem Boletín de la Real Academia Gallega im gleichen Jahr bereitwillig aufgenommen. Sie dankt Azorín für sein Engagement und und druckt Azorín zu Ehren den Artikel über Rosalia aus Klassiker und Kastilier in der Ausgabe vom 1. September 1913 nochmals ab. Hier finden wir einen deutlichen Hinweis darauf, wie sich das Bild der traurigen, melancholischen Rosalía, welches Azorín in Variationen immer wieder wiederholte, langsam verselbstständigen konnte und, wiederum als unumstößliche Tatsache, in den Diskurs von Universität und Akademien gelangte. Rosalías Texte sind in der Folge mit immer wieder mit den so produzierten Vorurteilen konfrontiert worden und wurden aus der Perspektive dieses Vorwissen interpretiert. Darüber hinaus wurde sie als Autorin mit den lyrischen Ichs ihrer melancholischen Dichtungen gleichgesetzt. Wie langlebig ein so über Jahrzehnte hinweg immer wieder reproduziertes Bild ist und wie schwierig es ist, dieses zu dekonstruieren, zeigt die bereits erwähnte Biografie von M. X. Lamas.

María Xesús Lama veröffentlicht Rosalía de Castro Biographie

María Xesús Lama hat Anfang dieses Jahres im Verlag Galaxia den ersten Band der „definitiven Biographie“ Rosalías mit dem Titel Rosalía de Castro. Cantos de independencia e liberdade (1837-1863) – Rosalía de Castro Lieder der Freiheit und Unabhängigkeit (1837-1863) veröffentlicht. Lama zeichnet das Bild einer freien und unabhängigen Frau im 19. Jahrhundert. Die Arbeit zeichnet sich durch minutiöse Quellenforschung zu Rosalía de Castros Biographie aus, denn sie erschließt uns viele, bisher völlig unbekannte Schriften und Dokumente aus Archiven und Privatbesitz.
Rosalía de Castro gilt als die größte Schriftstellerin der galicischen Literatur. Bisher existierte keine umfangreiche Biographie von so hervorragender Qualität. María Xesús Lama schließt mit ihrer neuesten Veröffentlichung dieses biographische Desiderat. Das Werk erscheint innerhalb der Reihe der großen Biographien des in Vigo ansässigen Verlagshauses Galaxia. Der erste Band umfasst die Herkunft Rosalías und endet mit der Veröffentlichung der Cantares Gallegos (dt. Galicische Lieder) im Jahre 1863.
Es handelt sich hier um eine Arbeit, die sich durch eine extensive, mehrjährige Forschung auszeichnet. Besonders hervorzuheben ist dabei, dass die Abhandlung nicht nur durch Materialreichtum glänzt, sondern dass auch viele unbekannte Archivale erstmals der Rosalía de Castro-Forschung zugänglich gemacht werden. Bisher ist es keinem Forscher gelungen, eine akademische Glanzleitung von dieser Größenordnung zu schaffen. Es sei in diesem Zusammenhang auch daran erinnert wie schwierig es ist, verlässliche Quellen oder Dokumente zu konsultieren, da viele wichtige Schriften verschollen oder unwiederbringlich zerstört worden sind. So soll Rosalía de Castro selbst auf ihrem Sterbebett angeordnet haben, dass ihre Töchter sämtliche unveröffentlichten Handschriften verbrennen. Anders als Max Brod, der sich der Anordnung Franz Kafkas widersetzte und so einen Schriftsteller erster Güte für die Weltliteratur rettete, gehorchten die Töchter ihrer Mutter. Manuel Murguía, der Ehemann, soll auf diesen Vorfall mit den Worten geantwortet haben: „Ihr habt ihren Ruhm verbrannt“, womit er aller Wahrscheinlichkeit nach Recht hat. Aber auch Manuel Murguía selbst muss sich vorwerfen lassen, Spuren aus Rosalías Leben vernichtet zu haben, denn er hat fast die gesamte Briefkorrespondenz Rosalías dem Feuer überantwortet. Der Verlust, den diese Tat für die Forschungsarbeit zu Rosalías Leben und Werk gebracht hat, ist unermesslich.
Diese beiden literaturhistorisch bedeutsamen Ereignisse verdeutlichen, wie schwierig es ist, Quellen aus erster Hand zu studieren und biographische Daten der Autorin zu finden oder zu verifizieren.

Lamas Studien arbeiten bisher durch die Rezeption verschüttete Aspekte zu Rosalías Leben und Schreiben heraus, so dass ein anderes als das bisher durch die Rosalía-Forschung tradierte und zementierte Bild dieser großartigen Schriftstellerin entsteht. So kann Lama anhand der Quellen überzeugend erläutern, dass Rosalía nicht den durch Schwermut und Melancholie gekennzeichneten Charakter besaß. Sie kann belegen, dass das Stereotyp einer traumatisierten Kindheit durch die uneheliche Geburt als Tochter eines Priesterseminaristen nicht zu halten ist. Die Theorie einer melancholischen Frau, die an dem Trauma ihrer väterlich-klerikalen Herkunft leidet, wird überzeugend dekonstruiert. Rosalía lebte als Adlige in ihrer Jugend gemeinsam mit ihrer Mutter ein urbanes und intellektuelles Leben, das weitgehend frei von finanziellen Nöten war.
Auch die Vermittlerrolle des späteren Ehemanns Manuel Murguía stellt Lama in ihrer Biographie infrage, indem sie die Gründe für Rosalías Madrid-Aufenthalt erforscht und so ein facettenreiches Porträt der Autorin entwirft, das die überkommenen Gemeinplätze und Simplifizierungen in einem völlig neuen Licht erscheinen lässt.

So kann uns Lama eine andere Rosalía zeigen: ein neugieriges Kind, das auf den Feldern und Wiesen um den Landsitz der Castros herum spielt; ein unruhiges Mädchen, das davon träumt, Künstlerin, ja Schriftstellerin zu werden; eine kühne Jugendliche, die alles daran setzt, ein unabhängiges Leben zu führen; eine fieberhafte Leserin, die sich für die revolutionären Ideen ihrer Zeit begeistert; eine Schriftstellerin, die sich ihres Talentes bewusst und bereit dazu ist, sich der Öffentlichkeit zu stellen. So konnte Rosalía bisher in keiner wissenschaftlichen Biografie dargestellt werden, da sich doch die allermeisten Autoren lediglich auf vorangegangene Darstellungen beziehen und sich nicht die Mühe gemacht haben, die vielen Archive zu durchforsten und privaten Bibliotheken zu konsultieren, um ein realitätsgetreues Bild unserer Autorin zu zeichnen.
María Xesús Lama (Lugo, 1964) ist Dozenten für galicische Literatur an der Universität zu Barcelona und Editorin der wichtigen Ausgabe der Galicischen Lieder aus dem Jahr 1995. Sie studierte galicisch-portugiesische und spanische Philologie an der Universität Santiago de Compostela, war anschließend als Lektorin für galicische Literatur in Trier tätig und promovierte 2002 an der Universität Barcelona, wo sie heute lehrt.

Galicische Lieder auf Deutsch

Ich freue mich heute besonders, die bevorstehende Publikation der ersten vollständigen Übersetzung Rosalía de Castros Hauptwerk Cantares Gallegos in deutscher Sprache bekannt geben zu können. Wenn uns nichts mehr in die Quere kommt, so werden die Galicischen Lieder noch dieses Jahr im Buchhandel erhältlich sein. Um die Vorfreude ein wenig zu steigern, veröffentliche ich hier auf unserer Seite die erste Version des Prologs, den Rosalía de Castro ihren Galicischen Liedern vorangestellt hat. Der Prolog, welcher in der Endfassung meiner Übersetzung erscheinen wird, ist allerdings einer gründlichen Revision unterzogen worden. Der Prozess der literarischen Übersetzung kann dann im Vergleich zu der Endversion gut nachvollzogen werden.

Seit mittlerweile über 150 Jahren lebt Rosalía de Castros Lyrik der Galicischen Lieder im kulturellen Gedächtnis der Galicier fort wie kein anderes Werk der galicischen Literatur. Rosalía de Castros Galicische Lieder sind der literarische Schatz, den das Land mit berechtigtem Stolz bewahrt. Dabei verschmelzen zuweilen die Person Rosalía und ihr Text zu einem Ort, welcher der galicischen Seele eine Heimat gibt. Wohl deshalb ist Rosalía de Castro zur einenden Identifikationsfigur, zur Mutter der galicischen Nation geworden. Ihre Gedichtsammlung Galicische Lieder gilt als das Buch der Bücher in Galicien, so dass der bedeutende Übersetzer Fritz Vogelgsang diese Gedichtsammlung folgerichtig auch als die Bibel Galiciens bezeichnete. Die große Bedeutung der Galicischen Lieder liegt vor allem darin begründet, dass Rosalía sie vollständig auf Galicisch verfasst hat, der Landessprache Galiciens.

Ihr Credo ist der Ruf nach Freiheit und Gerechtigkeit. Die Galicischen Lieder sind dabei aber kein sprödes politisches Manifest. Rosalía de Castro ist zwar eine sozialkritische Autorin, dennoch gelingt es ihr immer wieder, ihre Leser mit einem leisen Augenzwinkern zum Schmunzeln oder mit einer gehörigen Portion Witz zum Lachen zu bringen, mit ihren lebhaften Schilderungen zu erfreuen, mit ihren scharfsinnigen Beobachtungen zu überraschen und aufzuklären. Sie entfaltet dabei vor den Augen der Leserinnen und Leser ein facettenreich schillerndes Kaleidoskop galicischer Sitten und Gebräuche, amüsanter galicischer Typen, bunter galicischer Feste mit galicischem Tanz zu schwungvoller Musik. Sie zeigt uns die kulinarischen Besonderheiten Galiciens Küche und seine unvergleichlichen Natur; sie verweist auf die feudale Geschichte und verschweigt auch nicht die schwierigen sozioökonomischen Gegebenheiten.

Weitere Einzelheiten zur Veröffentlichung folgen hier auf unserer Seite, sobald die Veröffentlichung der Galicischen Lieder realisiert ist.

 

Rosalía de Castro im Werk von Camilo José Cela

Der Nobelpreisträger Camilo José Cela (1916-2002) ist einer der bekanntesten spanischen Schriftsteller. Weniger bekannt dürfte sein, dass er einige seiner schönsten Seiten in spanischer Sprache der Dichterin Rosalía de Castro gewidmet hat. Der Einfluss Rosalinde Castros auf Fehler wundert nicht, wenn man bedenkt, dass er in Iria Flavia lebend quasi Rosalias Nachbar war, wenn auch nicht zu Lebzeiten.

In seinem 1983 veröffentlichten, bedeutenden Roman über den Spanischen Bürgerkrieg in seiner galizischen Heimat, Marzurka para dos muertos,  (dt. Mazurka für zwei Tote, 1991). Der Erzähler des Romans, die Figur des ROBIN LEBOZAN CASTRO DE CELA, welche schon aufgrund ihres Namens auffällige Bezüge zu Rosalía de Castro und Camilo José Cela aufzeigt, erläutert seiner Cousine und gelegentlichen Geliebten Ramona zu Beginn des Romans Rosalía de Castros Leben und ihr lyrisches Werk. Bezeichnend ist hier, dass Cela seinen Protagonisten vor allen Dingen die Titel An den Ufern des Sar und Neue Blätter zitieren lässt. Rosalías Prosa erwähnt Lebozán noch mit keinem Wort.

Cela hat sich aber schon früh mit Rosalías Leben und Schreiben auseinandergesetzt.

Eine erste wichtige Schrift Celas, in der sich auf Rosalía de Castro bezieht, ist ein Jugendwerk, dass er im Alter von 30 Jahren geschrieben hat es ist ein Zeitungsartikel mit dem Titel Recuerdo de Rosalía (dt. Erinnerung an Rosalía), den er im Jahre 1946 in verschiedenen Zeitungen veröffentlicht hat. Die Wichtigkeit dieser Arbeit und der kulturelle Wert wird dadurch deutlich, wenn man die politische und historische Situation bedenkt, in welcher Cela diesen Text geschrieben hat. Der Text entstand in einem Ambiente der politischen Repression, – auch der galizischen Literatur. Cela hat den Text wahrscheinlich für die Feierlichkeiten zum 100-jährigen Geburtstag Rosalía de Castros verfasst. Es ist merkwürdig, dass der Artikel zunächst lediglich in Barcelona und Zaragoza veröffentlicht wird und erst drei Jahre später (1949) in der galizischen Zeitschrift Sonata Gallega aus Pontevedra erscheint. Einen weiteren Artikel widmet Cela Den Dichtern aus Padrón (1947), der sich damit beschäftigt dass die Gemeinde Padrón ihren bekanntesten Literaten Juan Rodríguez, Macías, und Rosalía de Castro drei Denkmäler widmen möchte.

1953 greift José Camilo Cela erneut die Feder, um sich der Dichterin Rosalía de Castro zu widmen. Er nimmte dabei direkten Bezug auf einen Vers Rosalías: „Padrón, Padrón, Santa Maria, Lestrove…“. Ein Gedicht, das übrigens auch in der bevorstehenden Gesamtausgabe Rosalía de Castros Galicische Lieder auch erstmals auf Deutsch erscheinen wird. Zunächst veröffentlicht er seinen Text im Faro de Vigo, später nimmt er diesen Text in dem Sammelband Cajón de Sastre (dt. Sammelsurium) auf.  Cela verarbeitet hier seine Jugenderinnerungen und verdeutlicht wie allgegenwärtig Rosalia in seinem Leben war. Er verheimlicht später auch nicht wie stolz er darauf war, Großenkel der María Bertorini nie zu sein, einer engen Freundin Rosalias. 1984 sagte er in einem Interview: “Wisst ihr tatsächlich nicht, dass María Bertorini, die Freundin, der Rosalia das Gedicht an John Moore gewidmet hat, meine Urgroßmutter war?”.

Cela steuert auch einen Text zur Hommage Rosalías 90. Todestag bei. Sein Beitrag trägt den Titel: Breve Nota sobre la morriña en Rosalía (dt. Kurze Anmerkung über das Heimweh in Rosalía). Die morriña ist das typisch galicische Gefühl für Heimweh, das sich nur sehr schwer ins Deutsche übersetzen lässt. Es umfasst den Bedeutungsbereich Traurigkeit, Schwermut, Melancholie, Sehnsucht. Diese Komplexität belegt folgert Seeler entsprechend, dass morriña seiner Meinung nach nicht an einzig unveränderliches Gefühl sei, sondern sich so verändere wie die vielfältigen Formen der Wolken am Himmel, da sich niemals zwei Wolken gleichen genauso wenig, wie sich zwei verliebte Blicke gleichen könnten. Später, im Jahre 1981, wird er sich bei der Hoffnung der Rosalía de Castro Konferenz in Pontevedra, die von der internationalen Universität Menéndez Pelayo organisiert wurde, nochmals diesem Thema zuwenden.

Vorabveröffentlichungen zu “A mi madre” – Für meine Mutter

Für die mittlerweile bereits veröffentlichte Neuausgabe der frühen Gedichte habe ich zwei Vorabveröffentlichungen eingestellt. Es handelt sich um zwei Gedichte aus dem 1863 veröffentlichen Zyklus A mi madreFür meine Mutter.  Dort finden sich auch interessante Hinweise zu meinen neuesten Recherchen.

Am 24. Juni 1862 stirbt in Santiago de Compostela die Mutter Rosalía de Castros, Doña María Teresa de la Cruz de Castro y Abadía. Im Sterberegister des Stadtarchivs von Santiago finden wir auf der entsprechenden Seite 8 des Folianten den Eintrag:
San Andrés.- Nummer 324. Santiago am vierundzwanzigsten sechsten acht- zehhundertzweiundsechzig. Heute ist Doña Teresa de Castro y Abadía hier verstorben, gebürtig aus La Retén, Gemeinde Padrón, Provinz La Coruña, im Alter von 55 Jahren, alleinstehend, erkrankt an organischem Herzleiden, sie hat kein Testament gemacht. Sie lebte in der Straße Villar Nummer 20. Sie wurde auf dem Hauptfriedhof beigesetzt. Eltern, Don José María de Castro y Salgado, von Beruf Grundbesitzer und Doña Josefa Abadía, aus ihrem Herkunftsdorf Padrón, Provinz Coruña.
Im Kirchenregister des Heiligen Apostel Andreas in Santiago de Compostela finden wir folgenden Eintrag:
Am 25. Juni 1862 wurde auf dem Hauptfriedhof dieser Stadt der Leichnam der Doña Teresa Castro y Abadía beigesetzt, alleinstehend und im Alter von 55 Jahren am Vortag an organischem Herzleiden verstorben, wie aus dem Totenschein des Mediziners Don Manuel Corral hervorgeht. Sie war die Tochter des Don José María de Castro und der Doña Josefa Abadía, beide gebürtig aus der Kleinstadt Padrón. Aufgrund ihres plötzlichen Todes hat sie keinerlei Heilige Sakramente empfangen, und die Trauerfeier wurde in der Pfarrkirche durch die sieben Vizepfarrer durchgeführt. Das bestätigte ich durch Unterschrift und Datum ut supra. Lizenziat Antonio Ituarte.

Obwohl aus beiden Dokumenten hervorgeht, dass Teresa de Castro im Alter von 55 Jahren gestorben sei, war sie tatsächlich schon 57 Jahre alt, da sie am 24. November 1804 geboren worden ist. Rosalía de Castro hat ihre Elegie Für meine Mutter bereits am 24. Juli 1862 veröffentlicht. Die erste bekannte Veröffentlichung des Trauergedichts finden wir auf den Seiten 271 bis 272 des Album de la Caridad (La Coruña), es ist dort das zweite Gedicht, trägt hier aber noch keinen Titel. 1863 wird die Elegie dann in Vigo beim Verleger Juan Compañel als Broschüre unter dem Titel Für meine Mutter gedruckt. Hierbei handelt es sich allerdings um einen Privatdruck. Es sollen nicht mehr als fünfzig nummerierte und persönlich adressierter Einzelausgaben veröffentlicht worden sein. Diese sind wohl alle verloren gegangen. Meine Übersetzung bezieht sich auf einen Nachdruck, welcher sich in der Bibliothek der Königlich Galizischen Akademie in La Coruña befindet (Signatur F 6945). Eine weitere, bisher wenig beachtete Veröffentlichung der Elegie Für meine Mutter findet sich auf Seite 63 der andalusischen Frauenzeitschrift La moda elegante vom 22. Februar 1863. Ein Exemplar dieser Zeitschrift kann dank der Nationalbibliothek zu Madrid digital konsultiert werden. Es handelt sich hierbei allerdings lediglich um einen Teilabdruck der beiden Anfangsgedichte und der Gedichte des Hauptteils. Die drei Gedichte, welche Abschluss der Elegie bilden, finden wir in der andalusischen Zeitschrift nicht.

Lange Zeit hat man außer den beiden oben erwähnten amtlichen Dokumenten nicht viel mehr über die Mutter Rosalía de Castro erfahren können und das, obwohl aufgrund des Umfangs der Elegie Für meine Mutter und der zeitlichen Nähe zur Veröffentlichung der Galicischen Lieder (1863) Rosalías literarische Reaktion auf den Tod der Mutter bemerkenswerte genealogische, biografische oder sozio-historische Aspekte zum Literaturverständnis liefern können. Diese Fragestellungen haben die literarische Forschung aber bisher größtenteils leider nicht aufgeworfen bzw. hat sich die Literaturwissenschaft kaum sehr interessiert.

María Xesus Lama schließt in ihrer 2017 veröffentlichten neuen Biografie zu Rosalía de Castro erfreulicher Weise diese Lücke und macht uns erstmals auch mit Hintergründen aus dem Leben von Rosalías Mutter Teresa de Castro bekannt. Darüber hinaus wird in ihrer Biografie wird deutlich, dass Rosalía nicht den melancholischen Charakter besaß, auf den sie die traditionelle Rezeptionsgeschichte bislang festgeschrieben hat. López Lema zeigt uns eindrucksvoll und detailreich, dass unsere Galicierin ein fröhliche Person war.

Rosalía de Castros Novelle “Die Tochter des Meeres” erscheint 2016 erstmals in deutschsprachiger Übersetzung

Rosalía de Castro Die Tochter des Meeres -Novelle-
Rosalía de Castro: “Die Tochter des Meeres”

Rosalía de Castros Novelle Die Tochter des Meeres (sp.: La hija del mar) liegt nun endlich, über 150 Jahre nach der spanischen Erstveröffentlichung, erstmals in deutscher Übersetzung vor. Es ist erstaunlich, dass eine Autorin, die in Spanien zum Kanon der sogenannten Klassischen Literatur gehört, im deutschen Sprachraum so selten Beachtung findet und besonders von Seiten der etablierten Verlage kaum eine Stimme bekommt. So kann eine Schriftstellerin von solch immenser Bedeutung für die spanische Literatur wie Rosalía de Castro hierzulande natürlich kaum Gehör finden. Aber woran liegt das? In den Verlagsprogrammen finden wir immer wieder Neuübersetzungen altbekannter Klassiker, aber keine Werke, die sich die Leser der sogenannten klassischen fremdsprachigen Literatur in deutscher Übersetzung wünschen. Desiderate der Übersetzung werden von den Verlagen offensichtlich übergangen. So beklagt Friedrich Wolfzettel schon 1999 in seiner Literaturgeschichte mit dem Titel Der spanische Roman von der Aufklärung bis zur frühen Moderne, dass immer noch keine deutschsprachige Übersetzung von Emilia Pardo Bazáns La Tribuna (1882) vorliegt. Diese Klage liegt mittlerweile sechzehn Jahre zurück und ich habe bislang keine Kenntnis darüber, dass eine Übersetzung vorliegt bzw. geplant ist. Auch Ana Fernández Rodríguez beklagt im Jahre 2013 auf dem internationalen Rosalía de Castro Kongress in Spanien, dass das Gesamtwerk von Rosalía de Castro noch immer nicht ins Deutsche Übertragen worden ist. Fernández Rodríguez’ und Wolfzettels Hinweise auf Desiderate im Bereich der deutschsprachigen Übersetzungen spanischer Literatur des 19. Jahrhunderts werden von Seiten der Verlage allem Anschein nach nicht wahrgenommen.

Rosalía de Castros Novelle “Die Tochter des Meeres” erscheint 2016 erstmals in deutschsprachiger Übersetzung weiterlesen

Basilio Losada Castro wird Ehrenmitglied der Königlich Galicischen Akademie

Basilio Losada Castro. Ehrenmitglied der Real Academia Gallega. 2015
Basilio Losada Castro. Orixe: Real Academia Galega. Arquivo. Foto von XOSE CASTRO. Mit freundlicher Genehmigung des Archivs der Real Academia Gallega. 2015

Am 3. Oktober 2015 ist Basilio Losada Castro, eremitierter Professor der Universität Barcelona, feierlich als Ehrenmitglied der Königlich Galicischen Akademie (Real Academia Galega: RAG) aufgenommen worden.

Seinen Eintrittsvortrag hat er den ersten beiden Romanen von Rosalía de Castro gewidmet: Die Tochter des Meeres  (sp.: La hija del mar) und Flavio. In seinem Vortrag betont er die immense Bedeutung Rosalía de Castros für die galicische Literatur und  für Galicien:

BASILIO LOSADA CASTRO
Basilio Losada Castro. Orixe: Real Academia Galega. Arquivo. Foto von XOSE CASTRO. Mit freundlicher Genehmigung des Archivs der Real Academia Gallega. 2015

„Galicien ist das einzige Land, dass durch seine Dichter am Leben erhalten wird, und mit einer Frau an der Spitze“ (gal.: “Galicia é o único país mantido en vida polos seus poetas, e cunha muller á cabeza deles”)

Der Literaturwissenschaftler, Kritiker, Übersetzer und Universitätsdozent hat 1986 die erste Professur für Galicische und Portugiesische Literatur an der Universität zu Barcelona übernommen. Schon seit den 1960er Jahren ist Basilio Losada als Person eine Institution für galicische Kultur und Literatur in Katalonien.

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